Kunst im öffentlichen Raum in Leipzig
Der Text gibt anhand von Beispielen einen Überblick über mehrheitlich historische Kunst im öffentlichen Raum in Leipzig, verknüpft die Themen, die dort behandelt werden und beleuchet die Debatten, die um die Kunstwerke im Laufe der Zeit entstanden sind. Auch werden einige der Fehlstellen im Leipziger Stadtraum benannt und damit Perspektiven und Themen, die im Stadtraum bisher unsichtbar bleiben.
Kunst im öffentlichen Raum in Leipzig – zentrale Themen und historische Ambivalenzen
In Denkmalen und künstlerischen Arbeiten im öffentlichen Raum Leipzigs spiegelt sich ein großer Teil der Leipziger Geschichte. Während Architektur und Denkmale historisch zur Repräsentation und Versicherung von politischer Macht dienen sollten und sich darin (Erinnerungs-)Politische Perspektiven manifestieren, wollen zeitgenössische künstlerische Projekte im öffentlichen Raum heute Fragen stellen und die Öffentlichkeit ins Gespräch bringen.
Neben den historischen Personendenkmalen speisen vor allem die Erinnerungsstätten der Völkerschlacht, Kriegs- und Ehrenmale sowie Denkmale für die Opfer des Nationalsozialismus die bauliche Erinnerungskultur der Stadt. Weiterhin gibt es eine große Anzahl architekturbezogener Kunst aus der DDR sowie die, mehrheitlich im Stadtzentrum verorteten, neueren Denkmale zu Ereignissen der Leipziger Friedlichen Revolution (inklusive der aktuellen Planung des Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmals auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz).
Anhand der Beispiele wird im Text nachvollzogen, wie sich auch in den Denkmalen und Kunstobjekten Geschichte überlagert und wie die Auseinandersetzung mit ihnen eine besondere Relevanz für einen gemeinsamen Diskurs in der heutigen Stadtgesellschaft haben kann.
Erste Denkmale gibt es in Leipzig seit dem späten 18. Jahrhundert. So wurde das dem ersten König von Sachsen gewidmete Friedrich-August-Denkmal 1780 auf der Esplanade vor dem Peterstor eingeweiht, wo sich heute der Wilhelm-Leuschner-Platz (vorher auch Königsplatz) befindet. Friedrich, Herrscher des autoritär regierten Ständestaats Sachsen, wurde in sächsischen Marmor gehauen und als römischer Imperator mit Lorbeerkranz dargestellt. Das Friedrich-August-Denkmal wurde 1937 aus städtebaulichen Gründen, wie von den Nationalsozialisten ohnehin lange geplant, abgebaut und in den Park des Gohliser Schlösschens versetzt, wo es noch heute steht.
Kunst im Stadtraum diente seit jeher als Zeichen und Legitimation der bestehenden Macht- und Gewaltverhältnisse. Kunstschaffende gestalteten den öffentlichen Raum im Auftrag und zur Repräsentation der jeweils herrschenden Klasse im Stile des jeweils bestimmenden Kunstverständnisses. Wie z.B. in der Residenzstadt Dresden deutlich häufiger anzutreffen, gab es auch in Leipzig neben dem Standbild des Königs von Sachsen mit dem Siegesdenkmal des Berliner Bildhauers Rudolf Siemering (1835–1905) weitere plastische Darstellungen von „weißen, mächtigen Männern, auf Pferden und/oder Sockeln“.1 Die Kunstpädagogin Nora Sternfeld spricht dabei von versteinerter Macht, die in erster Linie hingenommen werden sollte. „Was diese Manifestationen jedenfalls nicht sollten, war zum Denken anregen oder Fragen aufwerfen, die möglicherweise, das was ist, diskutierbar machen würden.“ Auch wenn es sich im Alltag verhält, wie Robert Musil bekanntermaßen betonte, dass es „nichts auf der Welt [gibt], was so unsichtbar wäre wie Denkmäler“,2 so zeigen Systemumbrüche und Machtwechsel deutlich, dass das Bewusstsein um die Wirkmächtigkeit von Kunst im öffentlichen Raum stets präsent war. Wie Friedrich August wurde auch das ab 1888 auf dem Leipziger Markt befindliche Siegesdenkmal 1946 auf Bestreben der Landesverwaltung Sachsens und Personen aus dem Leipziger Stadtrat unter sowjetischer Kommandantur demontiert. Es erinnerte an den Sieg Deutschlands im Deutsch-Französischen Krieg 1871 und galt nach dem 2. Weltkrieg als Symbol für Militarismus.3
Das Kriegerdenkmal vom Bildhauer Kurt Günther zeigt einen unbekleideten Soldaten mit Stahlhelm und eisernem Kreuz und sollte an die 725 Opfer der Kreuzkirchgemeinde im Ersten Weltkrieg von 1914/1918 erinnern. Das Denkmal befindet sich vor der Heilig-Kreuz-Kirche auf dem Neustädter Markt in Neustadt-Neuschönefeld und wurde durch den Kirchenvorstand beauftragt und aus Spenden, Sammlungen, Theater- und Musik-Aufführungen und den Verkauf einer Postkarte finanziert. Am 12. September 1926 wurde es feierlich enthüllt.
Die Skulptur ist seit Jahren Gegenstand von Diskussionen und Schauplatz einer Vielzahl von Eingriffen, Vandalismus und Gesten der Aneignungen. Durch das Fehlen einer Kontextualisierung wurde die Skulptur zu einer Projektionsfläche, auf der mit Graffiti, Text und plastischen Erweiterungen die Deutungshoheit über die Skulptur und ihren historischen Kontext ausgefochten wurde.
Das Foto stammt vom Instagram-Account der Künstlerin Jule Würfel und zeigt ihre Schwester, die Autorin Carolin Würfel. Beide befassen sich in ihren Arbeiten regelmäßig mit Erinnerungskultur und Vergangenheitsbewältigung.
Die Stadtgesellschaft ist bezüglich vergleichbarer historischer Gedenkstätten permanent im Gespräch. Heute werden Vorbehalte auch mittels Graffiti und in den Kommentaren der sozialen Medien kommuniziert. Die Bedenken sind nicht völlig aus der Luft gegriffen, da die meisten der zwischen 1922 und 1927 entstandenen Ehrenmale des 1. Weltkriegs – anders als vielfach eingeschätzt – keine pazifistische Mahnung darstellen, so der Historiker Claus Uhlrich, sondern in der Zeit der „Dolchstoßlegende“ und der Fama von der Unbesiegtheit des deutschen Heeres in antisemitischen Verschwörungstheorien die Schuld am Kriegsverlust der Sozialdemokratie und einem internationalen Judentum zuschieben und mit der Darstellung den „Opfermut“ und die „Hingabe für Kaiser, Volk und Vaterland“ ehren wollte.4
Der Entzug der deutschen Kolonien ab 1920 durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages wurde auch in Leipzig von revanchistischen Gruppierungen als große Demütigung empfunden. Der „Kolonialgedanke“ und die Erinnerung an die Angehörigen der „Schutztruppen“, die den Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia im Zuge der Kolonisierung mitverantworteten, sollte auch hier weiter gepflegt werden. Zu einem repräsentativen Kolonialdenkmal kam es in Leipzig durch den Beginn des Ersten Weltkrieges nie, jedoch wurde am 27. April 1924 und damit 40 Jahre nach der Übernahme der ersten Kolonie in Namibia und 5 Jahre nach der erzwungenen Abgabe in der Krypta des Völkerschlachtdenkmals ein Kolonialgedenktag durch den Schutztruppen- und Kolonialverein Leipzig abgehalten, mit abschließender Setzung eines Kolonialsteins im Wilhelm-Külz-Park. Hiermit sollten auch propagandistischen Bestrebungen zur Rückgewinnung der ehemaligen deutschen Territorien Ausdruck verliehen werden. Die originale Inschrift „Deutsche, Gedenkt Eurer Kolonien!“ wurde in der DDR kommentarlos entfernt, was die AG Postkolonial als beispielhaft für den Umgang mit kolonialen Hinterlassenschaften in der DDR bezeichnet, während in der BRD koloniale Denkmale und Straßennamen oft völlig unkommentiert bestehen blieben.5 Wenn auch im Denkmalsverzeichnis benannt, bleibt der Findling im Stadtbild bis heute unmarkiert.
Die transdisziplinäre Initiative Colonial Memory: Re*telling DOA arbeitete zum kolonialen Erbe in Leipzig. Auf ihre Initiative wird seit 2022 im Clara Zetkin Park mit einer Stele jenen 47 Männern, Frauen und Kindern gedacht, die in der „Deutsch-Ostafrikanischen Ausstellung“ (DOAA) – einer Sonderausstellung der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung (STIGA) in 1897, zur Schau gestellt und rassifiziert wurden. Die Personen wurden in der damaligen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ unter unklaren Bedingungen „angeworben“ und vom Publikum durch einen Zaun getrennt ausgestellt.
Die Initiative schreibt: „In dieser Zurschaustellung wurden die Afrikaner:innen einer angeblich überlegenen deutschen Kultur gegenübergestellt. Diese konstruierte Überlegenheit funktionierte nur durch eine Abwertung der Afrikaner:innen. Die rassistische Praxis der Menschenausstellung in der DOAA haben nicht alle von ihnen überlebt.“ Colonial Memory: Re*telling DOAA arbeitete im von der Stadt Leipzig initiierten Themenjahr zur STIGA diesen sowohl in der Planung der städtischen Aktionen wie auch generell bisher wenig beachteten Teils der Leipziger Stadtgeschichte in einer Ausstellung in der Galerie für Zeitgenössische Kunst und in einer Publikation auf.6
Zur Einweihung der Stele zur DOAA im Clara-Zetkin-Park am 24. April 2022 gab es zahlreiche Redebeiträge und eine Spoken-Word-Performance von der Künstlerin Landouma Ipé, die sich gegen das Vergessen richtet und den kollektiven Widerstand gegen Rassismus betont.
Was bedeuten solche Denkmale, wie die Kriegsdenkmale und der Kolonialstein für eine diverse Stadtgesellschaft und deren Zusammenhalt, als Möglichkeit einer Selbstbefragung mit kritischem Blick auf die Vergangenheit der Stadt, wenn 2021 etwa 103.000 Menschen mit Migrationshintergrund in der Stadt lebten, was 16,8% der Stadtbevölkerung ausmacht. Der Blick auf die Hauptthemen der Kunst im öffentlichen Raum und Kunst am Bau macht deutlich, dass sich Leipzigs aktuelle Stadtgesellschaft hier nicht abbildet und manche Gruppen teilweise sogar inhaltlich ausgeschlossen oder durch Inhalte verletzt werden, was die Konsequenz nahelegt, sich vor allem auch bei der künstlerischen Arbeit im öffentlichen Raum mit gesellschaftlichen Ausschlussmechanismen auseinanderzusetzen und diese Aspekte sowohl bei der Betrachtung existierender Orte als auch bei der Konzeption und Umsetzung neuer Projekte mitzudenken.
Auch das Völkerschlachtdenkmal wird heute vor diesem Hintergrund kritisch befragt und bereits zur Zeit seiner Planung und Entstehung im 19. und frühen 20. Jahrhundert kontrovers diskutiert. Monarchisten sahen darin einen Triumph wilhelminischer Ingenieurskunst, der Deutsche Patriotenbund verstand das Denkmal als ein Ehrenmal für die gefallenen Helden und das deutsche Volk, die Sozialdemokratie bezeichnete es hingegen als „Steinhaufen“ eines übersteigerten Nationalismus.
„Alle nachfolgenden politischen Systeme, ob demokratisch oder totalitär, versuchten den Ort in ihrem Sinne zu deuten. In der Weimarer Republik erklärte man das Monument zum Friedenszeichen. Die Nazis vereinnahmten das Denkmal mit seinen germanisierenden Figuren für ihre rassistische Ideologie. In der DDR wurde es zum Symbol Deutsch-Sowjetischer Waffenbrüderschaft in Anknüpfung an den preußisch-russischen Sieg über Napoleon in der Völkerschlacht. Nach der Wiedervereinigung 1990 und Jahren der Ratlosigkeit, wie mit dem Denkmal umzugehen sei, bemüht sich die aktuelle Politik um neue Deutungsmöglichkeiten des jüngst sanierten Baus, der in den vergangenen Jahren mehrfach Schauplatz neonazistischer Aufmärsche war.“7 Seit den Feierlichkeiten zum 100. Jubiläum der Eröffnung des Denkmals wird das Denkmal stadtpolitisch als Symbol für Frieden und Völkerverständigung im vereinten Europa kommuniziert.
Der Obelisk des Bildhauers Gustav Tschech-Löffler erinnert an das Massaker, das Angehörige der SS und des Volkssturms am 18. April 1945 an Häftlingen des KZ-Außenlagers in Abtnaundorf verübten. 84 Menschen starben in den Flammen oder wurden auf der Flucht aus der brennenden Baracke erschossen. Einrückende Soldaten der U.S. Armee dokumentierten den Schauplatz wenig später mit Foto- und Filmaufnahmen. Die Toten des Massakers wurden auf dem Leipziger Südfriedhof beigesetzt. Auf der rechten Seite des 1958 eingeweihten Denkmals ist eine künstlerische Darstellung der in den Flammen sterbenden Häftlinge zu sehen. Die Inschrift an der Vorderseite besagt: An dieser Stelle | wurden | am | 18. April 1945 | achtzig | Widerstands | kämpfer | von | SS-Mördern | lebendig | verbrannt | Ihr Tod | sei | uns immer | Mahnung.
Neben der Völkerschlacht ist das Gedenken an den Nationalsozialismus ein zentrales Thema der Leipziger Denkmale. Zum städtischen Gedenkprotokoll gehört die jährlich stattfindende Gedenkveranstaltung am 27. Januar im Neuen Rathaus und am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Abtnaundorf. Das Denkmal des Bildhauers Gustav Tschech-Löffler (1912–1986) wurde 1958 eingeweiht und zeigt u.a. eine künstlerische Darstellung der in den Flammen sterbenden Häftlinge des Außenlagers vom KZ Buchenwald. 1500 Häftlinge waren am 18. April 1945 beim Näherkommen amerikanischer Truppen auf einen Todesmarsch geschickt worden, während 307 kranke Insassen zurückblieben. Diese wurden von Angehörigen der SS und des Volkssturms in Holzbaracken gesperrt, die in Brand gesetzt wurden. 84 Menschen starben.8 2018 wurde das Denkmal um eine Kunstinstallation des Leipziger Künstlers Harald Alff ergänzt: Die neun Meter lange und einen Meter hohe Installation aus 208 Stahlwinkeln soll an Stacheldraht erinnern. Auf 205 Stelen sind die Lebensdaten der Menschen ausgeschnitten, die zwischen 1943 und 1945 in Abtnaundorf ums Leben kamen. Wunsch war es auch, mit der Installation die Gedenkstätte sichtbarer zu machen. 2013 widmete sich das Projekt „Orte, die man kennen sollte“ der Hochschule für Grafik und Buchkunst Spuren der nationalsozialistischen Vergangenheit in Leipzig. Es entstanden neben der Dokumentation und Texten zu existierenden Gedenkorten, einem Symposium sowie diversen Publikationen, auch künstlerische Projekte, u.a. zu der Gedenkstätte in Abtnaundorf, sowie zu bisher wenig beachteten Themen, wie der Kindereuthanasie im NS, bei der Leipzig als Standort eine zentrale Rolle spielte, oder der nationalsozialistischen Entstehungsgeschichte des Richard-Wagner-Hains, welche zuletzt vermehrt in die öffentliche Diskussion kam.
Das Relief ist Teil des 1933 geplanten Richard-Wagner-Ehrenhains, der von Hitlers Reichsregierung mitfinanziert und protegiert wurde. Es ist Teil einer Reihe des Bildhauers Emil Hipp, die innrhalb der Hain-Architektur Darstellungen nackter, muskulöser Frauen und Männer zeigen und Schicksal, Mythos, Erlösung und Bacchanal und damit den „Stimmungsgehalt“ der Wagnerschen Werke symbolisieren.
So kaufte das Stadtgeschichtliche Museum im Frühjahr 2021 in Kooperation mit dem Richard-Wagner-Verband ein Naturstein-Relief des Bildhauers Emil Hipp (1893–1965) an, welches einen Teil des von Hipp 1933 entworfenen, monumentalen Richard-Wagner-Denkmals darstellte. Um den zentralen Denkmalblock sollte die Anlage von einer 430 Meter langen Mauer eingerahmt werden, deren Reliefs mit Szenen aus den Opern Wagners bestückt worden wären. Einige Reliefs wurden bereits fertiggestellt. Die Grundsteinlegung des Hains übernahm am 6. März 1934 Reichskanzler Adolf Hitler persönlich. Die Kunsthistorikerin Marie-Luise Monrad Møller betont, dass es sich bei den Plänen nicht allein um die Umsetzung eines Denkmals für eine in der Stadt geborenen Künstlerpersönlichkeit handelte, sondern dass das Richard-Wagner-Nationaldenkmal des Deutschen Volkes als Stätte für die Massenpropaganda der Nationalsozialisten vorgesehen war, die auf Grund des Krieges letztlich nie fertiggestellt wurde.9 Für die Auseinandersetzung mit dem NS in Leipzig könnte z.B. die Sanierung des Richard-Wagner-Hains eine Chance darstellen, an einer ursprünglich für die Massenpropaganda der Nazis vorgesehenen Stelle eine kritische Perspektive sichtbar zu ergänzen.
Richard Wagner wurde 2013 anlässlich seines 200. Geburtstags ein lang geplantes Denkmal gesetzt. Stephan Balkenhols (*1957) lebensgroße, farbig gefasste Skulptur zeigt den jungen Richard Wagner mit einem überlebensgroßen Schattenriss des alten Wagners. Balkenhol verwendet den bereits 1913 geschaffenen Sockel des Leipziger Bildhauers Max Klinger (1857–1920), dessen Entwurf für die darauf geplante Richard Wagner Statue nie realisiert wurde. Der Sockel zeigt Motive aus Wagners Zyklus „Der Ring des Nibelungen“. Das Denkmal befindet sich in den Grünanlagen am Innenstadtring vor der ehemaligen Stasi-Zentrale.
Es wird deutlich, dass sich für die Stadt eine Positionierung zu Richard Wagner, der für das Stadtmarketing ein wichtiger Faktor ist, kompliziert darstellt. Wagner, im Nationalsozialismus stark verehrt, hetzte in seinem antisemitischen Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“ öffentlich gegen seinen jüdischen Mentor und Leipziger Ehrenbürger, den Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy.10
Es ist daher nicht ganz unwahrscheinlich, dass der von NSDAP-Bürgermeister Haake am 9. November 193611 verfügte eindeutig antisemitistisch motivierte Abriss des Mendelssohn-Denkmals an der Ostseite des alten Gewandhauses im Musikviertel zumindest hiervon angetrieben war. 2008 stellte die Stadt eine exakte Replik des 1892 nach Entwürfen von Werner Stein (1855–1930) errichteten Bronzedenkmals am Dittrichring vor der Thomaskirche wieder auf.
Die Ringanlage, die die Leipziger Altstadt umschließt, wurde mit der schrittweisen Schleifung und Begrünung der Stadtbefestigungsanlagen ab 1777 angelegt und mit der Zeit zu einem beliebten Aufstellungsort für Denkmale. Der Leipziger Promenadenring ist der älteste städtische Landschaftspark Deutschlands und gilt inzwischen – bezüglich seiner Ausstattung mit Kunst- und Denkmalsobjekten – als „überfüllt“. Neben unterschiedlichsten Gedenkstätten und künstlerischen Objekten finden sich dort auch Stationen der Leipziger Notenspur, z.B. am Richard-Wagner-Denkmal, am Augustusplatz mit Oper und Gewandhaus, und, ebenfalls am Augustusplatz, eine Stele zur Leipziger Sportroute am Europahaus und diverse Landmarken zum Rundgang zur Friedliche Revolution des Herbstes 1989.
Die Anzahl der im öffentlichen Raum Leipzigs mit Denkmalen gewürdigten weiblichen Personen ist übersichtlich. Eine der wenigen mit einem Denkmal bedachten ist die als Initiatorin der ersten deutschen Frauenbewegung geltende Wahl-Leipzigerin Louise Otto-Peters. Sie gründete den Leipziger Frauenbildungsverein, welcher die erste deutsche Frauenkonferenz veranstaltete und auf welcher wiederum der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF) ins Leben gerufen wurde, dessen Vorsitzende Otto-Peters für die kommenden 30 Jahre sein sollte.12 Stand das von Adolf Lehnert geschaffene Louise-Otto-Peters-Denkmal seit 1900 am Alten Johannisfriedhof, musste es aufgrund des Neubaus des Grassi-Museums weichen.
Das vom Leipziger Bildhauer Adolf Lehnert ausgeführte Denkmal wurde mit vielen kleinen Spenden und einer Lotterie finanziert und am 10. Juni 1900 an seinem ursprünglichen Standort in den Anlagen des Alten Johannisfriedhofs eingeweiht. Zu der Einweihungsfeier kamen viele Frauen aus ganz Deutschland zusammen, um die Wegbereiterin der deutschen Frauenbewegung Louise Otto-Peters zu würdigen. Die Einweihung des Denkmals sollte nach den Worten von Auguste Schmidt, der damaligen Vorsitzenden des Bundes deutscher Frauenvereine, „den jetzigen Frauen wie den kommenden Geschlechtern eine Mahnung sein, mit ihren größeren Zwecken zu wachsen und echtes Menschentum zu erringen“.
Die Verantwortlichen in der Verwaltung entschieden sich zum damaligen Zeitpunkt für den ersten Leipziger Kinderspielplatz im Rosental als alternativen Aufstellungsort, auch wenn die Frauenrechtlerin Otto Peters selbst nie Mutter wurde. Sicherlich setzte die frühe Frauenbewegung bereits wichtige Impulse für die Rolle von Müttern, darüber hinaus ist zwischen Ort und Person soweit bekannt keine direkte Verbindung herzustellen. Unter anderen macht eine Station der App „Eine neue Bewegung: Re*mapping Leipzig“, die sich seit dem Frühjahr 2023 mittels künstlerischer Beiträge historischen und zeitgenössischen Frauenbewegungen in Leipzig widmet, auf diesen Umstand aufmerksam.13
Frauen und FLINTA* Personen14 als im Leipziger Stadtraum unterrepräsentierte Gruppen erhielten in diesem Sinne selten eine stadträumlich zentrale Würdigung. Eine Ausnahme ist die 1967 von dem Leipziger Bildhauer und Vorsitzenden des Verbandes Bildender Künstler der DDR Walter Arnold (1909–1979) geschaffene Skulptur der Politikerin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin. Am Aufstellungsort im Johannapark war zuvor das Otto von Bismarcks Denkmal 1946 einem Machtkampf der SED mit der Stadtverwaltung zum Opfer gefallen und entfernt worden.
Das Denkmal zu Ehren der Frauenrechtlerin und Politikerin Clara Zetkin wurde am 03. Juli 1967 anlässlich ihres 110. Geburtstages enthüllt und befindet sich am südlichsten Zipfel des Leipziger Johannaparks. Das Bronzestandbild, welches der Bildhauer Prof. Walter Arnold entworfen hat, wird begleitet von einem Gedenkstein, der ein Zitat Zetkins trägt: „Ich will dort kämpfen, wo das Leben ist“.
Das Bismarck-Denkmal im Johannapark nach dem Umsturz 1946
Die Entfernung des Denkmals wurde bereits im von der Leipziger Volkszeitung als „Leipziger Denkmalkrieg“ betitelten Disput zwischen die Monarchie befürwortenden und opponiernden Gruppen diskutiert, die auch das Siegesdenkmal und den Kaiser-Wilhem-Stein in Leutzsch betraf.15 Die Bismarck ursprünglich zu Füßen stehende Figur des Schmiedes wurde bereits im 2. Weltkrieg für die Rüstungsproduktion eingeschmolzen.16
Auch bei der künstlerischen Umsetzung sind in Leipzig die weiblichen und FLINTA* Perspektiven noch unterrepräsentiert. Nachdem auch die Mehrheit der in den 2000er und 2010er Jahren in Wettbewerben vergebenen Aufträge für Kunstwerke im öffentlichen Raum von männlich gelesenen Kunstschaffenden umgesetzt wurden, so das Luther-Melanchthon-Denkmal, die Gestaltung des Herzliyaplatzes und zuletzt der Wettbewerb am Stadtgeschichtlichen Museum, sowie Kunst am Bau Projekte mit der Gestaltung des Foyers des soziokulturellen Zentrums der Anker und den Akustikvorhang im Thomas-Alumnat, sind in verschiedenen Kunst am Bau Prozessen im Rahmen von Schulneubauten auch einige Frauen und FLINTA* beauftragt worden. In dem Artikel „Leipzig – Lokaler Kontext und aktuelle Stadtentwicklungskonzepte“ in der Bibliothek dieser Webseite wird das Konzept für die Erinnerungskultur der Stadt Leipzig vorgestellt, das 2013 von der AG Erinnerungskultur des Dezernat Kultur vorgelegt wurde und Schwerpunktthemen der Leipziger Erinnerungskultur benennt, die unter anderem auf Basis von Befragungen der Bevölkerung ermittelt wurden sowie neue, multiperspektivische Sichtweisen empfiehlt, die für ein zukünftiges Engagement der Stadt eine Rolle spielen sollten.
Architekturbezogene Kunst der DDR
Das in einer Fotografie von Margret Hoppe in ihrer Serie „Die Verschwundenen Bilder“ abgebildete Wandrelief von Bernhard Heisig in einem ehemaligen Gästehauses der DDR steht als Teil der Architektur unter Schutz und wird aufgrund der Denkmalschutzauflagen bei der Sanierung durch eine Immobilienfirma erhalten. Heisigs Arbeit ist durch die Prominenz des Künstlers jedoch ohnehin ein Gewinn, da sie das Gebäude klar aufwertet.
Jenes Glück war und ist nicht allen künstlerischen Arbeiten beschieden. Anja Jackes hat in Hinblick auf ihren Untersuchungsgegenstand Halle-Neustadt betont, dass die Entfernung von DDR-Auftragskunst in den 1990er Jahren ein Prozess ist, der bis heute anhält. Neben Vandalismus und Diebstahl ist der Hauptgrund die Abnahme wegen Rückbau- oder Sanierungsmaßnahmen durch die Länder, Kommunen und besitzhabende Personen – nicht selten aufgrund fehlender Wertschätzung oder Unwissen. Nach 1990 gingen durch den Verkauf von Gebäuden die architekturbezogenen Kunstwerke automatisch an die neuen Besitzer:innen über. Wegen der hohen Kosten für Restaurierung und Instandhaltung hat man sich dann oft gegen das Kunstwerk entschieden. So ging seit der Wende bereits eine große Anzahl an Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum verloren.17
Es besteht ein großer Nachholbedarf Plastiken aus der DDR in Leipzig unter Denkmalschutz zu stellen und das historische Erbe der DDR somit langfristig zu sichern – auch wenn daran gearbeitet wird. Der Bestand der architekturbezogenen Kunst der DDR in Leipzig taucht zudem in der aktuellen kunstwissenschaftlichen Forschung wenig auf. Peter Guths 1996 erschienene und nach wie vor wichtige Publikation „Wände der Verheißung“ stellt bis heute das einzige Überblickswerk dar, auch wenn das erste bundesweite Symposium zur Kunst am Bau in der DDR – die übrigens nie so hieß, sondern als architekturbezogene Kunst bezeichnet wurde – im vereinigten Deutschland schließlich 2020 stattfand. Veranstaltet wurde das Symposium, zu dem auch die Begleitpublikation „Kunst am Bau in der DDR“ entstand, vom Bundesministerium des Innern und dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, wobei Leipzig hierin wenig auftaucht.18
Die „Skulptur die Jugend“ von Irene Marquardt steht seit dem Jahr 1982 vor der Turnhalle des heutigen Montessori-Schulzentrums in der Alten Salzstraße in Grünau. Die Leipzigerin Irene Marquardt war eine der wenigen studierten aktiven Bildhauerinnen in der DDR-Zeit. Sie schuf zahlreiche Plastiken im öffentlichen Raum, die die neu entstandenen Neubaugebiete möblierten und setzte sich künstlerisch mit der Rolle der Frau in der DDR auseinander. 2021 wurde die unter Denkmalschutz stehende Plastikgruppe umfassend durch die Stadt Leipzig und unterstützt durch Fördermittel des Freistaates Sachsen saniert.
Dass in der DDR seit den 1960er Jahren die in den 1920er Jahren in Deutschland eingeführte Bezeichnung „Kunst am Bau“ nicht mehr verwendet wurde, begründet der Leipziger Kunsthistoriker Thomas Topfstedt mit dem programmatischen Anspruch an diese Kunst, auf die Gestaltung des urbanen Raumes abzuzielen.
„Wie die bildkünstlerischen Konzeptionen zeigen, ging es um eine neuartige »Synthese von Architektur und bildender Kunst«. Diese wurde durch eine aufwendige Gremienarbeit inhaltlich vorbereitet, wobei die Bezirks- und die Stadtleitungen der SED in Abstimmung mit den Räten der Bezirke und Städte sowie mit dem Verband Bildender Künstler die grundlegenden Inhalte vorgaben und deren Umsetzung kontrollierten. Umfangreiche Planungen wurden vor allem zur bildkünstlerischen Ausstattung der Stadtzentren wie auch herausragender Gesellschaftsbauten entwickelt.“
Topfstedt zitiert Peter Guth, der einschätzt, dass jedoch an vielen Standorten insbesondere in den Neubauwohngebieten die gewünschte organische Integration baubezogener Kunstwerke in den städtebaulichen Kontext nicht wirklich gelang, da diese Räume „technologisch nicht beherrscht und konzeptionell nicht vorgedacht waren. Darauf weist beispielsweise die erstaunliche Zahl genrehafter Plastiken und Plastikgruppen hin, mit denen versucht wurde, diffuse städtebauliche Räume zumindest optisch zu verzahnen.“19 Nichtsdestotrotz stand der Boom baugebundener Kunst, so Guth, für gewachsenes staatliches Selbstbewusstsein. So sollte die marxistische Weltanschauung bildlich für die Bevölkerung verständlich dargestellt werden, andererseits sollte das erwünschte neue Lebensgefühl reflektiert werden. Dabei wurde „der Gesamtkomplex ‚Lebensgefühl‘ [...] vornehmlich in Innenräumen, das Themenspektrum ‚Weltanschauung‘ im Außenraum realisiert.“20
Guth beschreibt, dass ab den späten 1970er Jahren, u.a. im Zuge von durch Leipziger Kunstschaffenden angeregten Giebelgestaltungswettbewerben, auch von offizieller Seite zunehmend die konzeptionelle Verbindung zwischen den konkreten Orten, den künstlerischen Intentionen und den Bedürfnissen der Nutzenden gesucht wurden. Bei der Planung des Neubaugebietes Paunsdorf/Heiterblick 1981/1982 sollte die Kunstkonzeption nicht mehr bei abstrakten politischen Inhalten ansetzen, sondern die vorgefundenen stadthistorischen Bedingungen fokussieren, so Guth.21
Im 1990 vom Leipziger Büro für architekturbezogene Kunst herausgegebenen Standortinventar resümiert wieder Peter Guth als dessen Leiter die Politik hinsichtlich architekturbezogener Kunst für die Zukunft wie folgt:
„Natürlich muß sich die Frage erheben, welche Rolle ein Büro für architekturbezogene Kunst und Denkmalpflege (wie es seit dem 1.1.1990 wieder heißt) in Zukunft spielen kann. Klar ist, daß es kaum eine Überlebenschance geben dürfte, wenn es sich auf die Installation eines Einzelkunstwerkes irgendwo im Stadtraum beschränkt. [...] Der einzige Weg führt zu einer engen Zusammenarbeit mit dem städtischen Planungsbüro, den demokratischen Gremien und den Interessengruppen der Bürger. Gemeinsam mit ihnen muß eine strategische Leitlinie für die komplexe, gesamtstädtische Entwicklung erarbeitet und durchgesetzt werden. Das Büro muß dabei aufgrund seiner Qualifikation die Rolle einer kulturellen Instanz übernehmen. Dies aber bedeutet den Verzicht auf die ausschließliche Beschäftigung mit der »Hoch«-Kunst, also mit Malerei, Grafik und Plastik, zugunsten einer Hinwendung zur Stadtkultur insgesamt. Wenn das Tätigkeitsprofil des Büros auf einen in allen Funktionen lebendigen und attraktiven Stadtorganismus erklärtermaßen gerichtet wird, bestimmen sich von daher die Aufgaben neu. Vom Einzelobjekt her die zukünftige Tätigkeit zu bestimmen wäre wieder nur ein Wunschbild, das von der Wirklichkeit bestraft würde, endgültig.“22
Diese sehr aktuelle Perspektive auf Kunst im öffentlichen Raum und Kunst am Bau könnte Startpunkt für eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Erbe der DDR und auch den Umgang mit der Kunst im öffentlichen Raum aus der DDR sein, welche bisher nur punktuell stattgefunden hat. Neben dem Werkstattgespräch zur Kunst am Bau des Bundesamtes für Bauwesen, welches sich 2008 dem Thema „Kunst am Bau als Erbe des geteilten Deutschlands“ mit Leipzig-Schwerpunkt widmete, fand eine Auseinandersetzung oftmals im Zuge von Umgestaltungen und sich daran anschließenden öffentlichen Debatten statt, wie z.B. im Vorfeld des 2011 eröffneten Universitäts-Neubaus am Augustusplatz. Für diesen wurde der Ende der 1960er Jahre entstandene DDR-Neubau der Universität abgerissen, der wiederum nach der Sprengung der Paulinerkirche 1968 auf Weisung der SED entstand. Eine intensive Debatte entspann sich sowohl um das Wandbild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ von Werner Tübke, das in den Räumen des Rektorats der Karl Marx Universität installiert war und auf Grund des Abrisses abgenommen wurde, als auch um das als „Karl Marx Relief“ bekannte Bronzerelief „Der Aufbruch“ von Klaus Schwabe, Frank Ruddigkeit und Rolf Kuhrt, das ebenfalls weichen musste. Die künstlerische Gestaltung des Reliefs war als Teil eines Wettbewerbs mit dem Thema „Leninismus – der Marxismus unserer Epoche“ im Rahmen der Umgestaltung des Augustusplatzes (1945–1990 Karl-Marx-Platz) ausgeschrieben worden.
Das Bronzerelief „Aufbruch“ von Klaus Schwabe, Frank Ruddigkeit und Rolf Kuhrt hatte die inhaltliche Zielsetzung „Karl Marx und das revolutionäre, weltverändernde Wesen seiner Lehre“ zu thematisieren und zeigt die in diesem Zusammenhang progressiven gesellschaftlichen Kräfte der Vergangenheit und damaligen Gegenwart, um den übergroßen Kopf ihres Vordenkers gruppiert.
Seit der politischen Wende 1989 entwickelte sich eine Diskussion über den Umgang mit ideologisch geprägten Kunstwerken, welche für Teile der Bevölkerung als Symbol für die Unterdrückung und Ideologie des ehemaligen Regimes standen. Diese forderten deren Entfernung, da sie jene Bildinhalte als unvereinbar mit den neuen demokratischen Werten ansahen. Sowohl im Falle des Wandbilds als auch des Reliefs entschied sich die Universität für die erneute Installation der Kunstwerke auf dem Gelände der Universität. Rektorat und Kustodie argumentierten, dass die Kunstwerke als historische Zeugnisse erhalten werden und als historische Dokumente Anlass für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Erbe der DDR ermöglichen sollen.23
Das Relief „Der Aufbruch“ wurde 2006 abgenommen und ist seit 2008 auf dem Sportcampus der Universität aufgestellt. Das Kunstwerk gehört zu den wenigen Werken aus der DDR, die unter Denkmalschutz stehen. „Arbeiterklasse und Intelligenz“, ebenfalls 2006 entfernt, wird seit 2011 auf einem Gang im Hörsaalgebäude der Universität ausgestellt.
Insbesondere die äußerst geringe Anzahl an Denkmalen und Projekten der architekturbezogenen Kunst auf der Landesdenkmalsliste ist ein Anlass für die städtischen Institutionen in unterschiedlichen künstlerischen, kuratorischen und wissenschaftlichen Formaten die fehlende Forschung zu kompensieren aber auch in transdisziplinären Prozessen – ausgehend von den künstlerischen Arbeiten – weitere Auseinandersetzung mit dem kultur- wie architekturhistorischen und sozialen Erbe der DDR in der Stadt zu initiieren.
Neue Formen der Gedenkkultur
Nicht nur hinsichtlich architekturbezogener Kunst aus der DDR stellt sich die Frage, wie sich vermehrt aktivieren lässt, was da ist. Die Setzung eines Jahresthemas durch das Dezernat Kultur beispielsweise hat sich als wichtiger Impulsgeber gezeigt, um Vereine und Initiativen mit ins Boot zu holen, die diskussionswürdige Denkmäler durch verschiedene Formate zu kontextualisieren und eine kritische, vielstimmige und kreative Debatte anzuregen.
Der Plastikgarten war eine Initiative von Leipziger Kunstschaffenden im Auftrag des Grünflächenamtes, die ab 1987 im Zuge der Wiederbebauung des Viertels eine Grünverbindung zwischen Ring und Johanna-Park schaffen sollte. Die dort 1987 installierten Fundamente und Sockel sollten für wechselnde Skulpturen-Ausstellungen genutzt werden. Mit der Wende kam die Initiative zum Erliegen. Die permanente Installation z.B. von Bernd Sikoras Skulptur in Erinnerung an den ehemaligen an dieser Stelle liegenden Barockgarten wurde noch 1993 fertiggestellt.
Die Aktion „Bestandsaufnahme. Plastikpark 1987 2023 2046“ des KV — Vereins für zeitgenössische Kunst Leipzig und des Künstlers Bastian Muhr aus dem Jahr 2021 und eine Reihe in 2023 versuchten den denkmalgeschützten Leipziger Plastikgarten (auch Plastikpark) zu reaktivieren. Es fanden u.a. eine Performance des Kollektivs Organism_LR.23/2-14 sowie ein Gespräch zwischen Marc Herbst und Ines Schaber über Besetzungen des öffentlichen Raums in Bezug auf verschiedene Regime und die Möglichkeiten für institutionalisierte und informelle Gegengeschichten.
Der Medientheoretiker Dieter Daniels beschreibt eine sich in Deutschland seit den 1990er Jahren entwickelnde neue Debatte um die Gedenkkultur, die sich aus den verschiedenen Formen des Erinnerns an die Verbrechen des Nationalsozialismus in der alten Bundesrepublik und der DDR speist. Hier gilt es, das Erinnern an den Holocaust als negativen Horizont abzugrenzen „zu dem neuen deutschen Selbstbild seit der durch die Friedliche Revolution möglich gewordenen Wiedervereinigung.“24 Seit den 1990er Jahren sind einige künstlerische Arbeiten im öffentlichen Raum entstanden, die verschiedene Aspekte der Friedlichen Revolution betrachten. Im Zuge der Umgestaltung des Nikolaikirchhofs 2003 zu einem Ort der Besinnung errichtete der Leipziger Künstler Tilo Schulz die farbige Lichtinstallation „Öffentliches Licht“ mit 144 in das Bodenpflaster eingelassenen Glaswürfeln. Vom Londoner Architekturbüro David Chipperfield stammt an historischer Stelle ein Granit-Brunnen. Bereits 1999 wurde mit der Nikolaisäule des Künstlers Andreas Stötzer an den Start der Montagsdemonstration mit den Friedensgebeten in der Nikolaikirche 1989 erinnert, als dass eine mit Palmwedeln gekrönte Säule aus dem Kirchenschiff auf dem Platz nachgebildet wurde. Weiterhin zu nennen ist die auf dem Augustusplatz vom Künstler Via Lewandowsky entwickelte „Demokratieglocke“, welche seit dem 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution 2009 daran erinnern soll, wie mit den Montagsdemonstration das Ende der DDR „eingeläutet“ wurde.
Drei Denkmale markieren die besondere Bedeutung des Nikolaikirchhofs für die Protest von 1989: die Lichtinstallation „Öffentliches Licht“ von Tilo Schulz, der Granit-Brunnen des Büros David Chipperfield und die Nikolaisäule von Andreas Stötzner.
Mit dem Gedenken an die Friedliche Revolution im Herbst 1989 zeigt sich in Leipzig das breite Spektrum an möglichen Formaten, die aus der Thematik entwickelt werden können. Die wichtigsten Veranstaltungen und Vorhaben der Stadt sind das seit 2009 laufende Verfahren der Errichtung eines Freiheits- und Einheitsdenkmals – mit seinem 2014 im ersten Anlauf gescheiterten Prozess –, das seit 2009 jährlich auf dem Augustusplatz und dem Leipziger Innenstadtring stattfindende Lichtfest Leipzig, welches an die Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 erinnert sowie das Entwicklungsvorhaben am Matthäikirchhof in der ehemaligen Stasizentrale mit Beteiligungsprozess und der Idee dort ein „Forum für Freiheit und Bürgerrechte“ zu entwickeln. Weiterhin sind kleinere Formate, wie die Revolutionale – Festival für Veränderung, zu nennen. Hier zeigt sich ein Wandel im Verständnis von Gedenkkultur hin zur Schaffung von Räumen einer proaktiven Auseinandersetzung mit und mittels Gedenken.
Die Revolutionale wurde initiiert von der Stiftung Friedliche Revolution und will im Geist der s.g. Friedlichen Revolution von 1989, das Wirken und die Vernetzung von gesellschaftspolitischen Aktiven fördern und sowie internationale Demokratie- und Freiheitsbewegungen unterstützen. In der Ausgabe von 2019 hatte die Revolutionale ihr Quartier in den Schaufenstern des ehemaligen Karstadt-Gebäudes, wo neben künstlerischen Aktionen im öffentlichen Raum, zur aktiven Mitgestaltung und Verantwortung jedes Einzelnen aufgefordert wurden und auf Fragen zur Selbstreflexion individueller oder gesellschaftlicher Ängste und Hoffnungen zu reagieren.
Als beispielhafte private Initiativen für Kunst im öffentlichen Raum seit den 1990er Jahren werden im Folgenden drei Beispiele genannt. Die bisher umfangreichste private Initiative stellt die Installation von sechzehn permanent für das Areal auf der Neuen Messe entwickelten künstlerischen Arbeiten von internationalen Kunstschaffenden dar, darunter Angela Bulloch, Isa Genzken, Dan Graham, Rirkrit Tiravanija und Rosemarie Trockel, die auf Initiative der Leipziger Messe GmbH 1996 gemeinsam mit dem Messeneubau eröffnet wurde.
Mitten im Leipziger Westen, direkt an der Karl-Heine-Straße, inszenierte die Schaubühne ab 1999 die riesige Brache als begehbares Getreidefeld und gab ihr den Namen „Jahrtausendfeld“. Das Projekt begann mit einer symbolischen Aussaat und dem Transport von Mutterboden vom Bau des Leipziger Flughafens. Im Jahr 2000 wurde großflächig Sommerroggen gesät, und das Feld zog zunehmend Anwohnende und Publikum an, die an Konzerten, Theateraufführungen und Festen teilnahmen. Mit der zweiten Ernte 2001 endete das Projekt, doch sein Name bezeichnet bis heute die (noch) unbebaute Brachfläche. Seit 2018 erinnert eine Stahlskulptur an das Projekt.
Seit 2022 erinnert in der Angerstraße 55 in Lindenau ein 25×25 Meter großes Wandbild an den Leipziger Comiczeichner, Grafiker und Illustrator Ralph Niese (1983–2020). Das Wandbild wurde von befreundeten Personen aus dem Umfeld und Kollegium von Ralph Niese zu Teilen ehrenamtlich umgesetzt und durch die Immobilienbesitzenden finanziell unterstützt.
Mit der Einführung der Strategie und Leitlinie Leipzig//Stadt//Raum//Kunst, welche im Jahr 2019 vom Stadtrat beschlossen wurde, begleitet das Kulturamt sowohl Prozesse zur Findung von Kunst am Bau bei städtischen Bauvorhaben, z.B. bei Schul- und Kindergarten-Neubauten sowie Verwaltungsgebäuden und Kulturbauten, als auch, mit Unterstützung durch den Beirat Kunst im öffentlichen Raum und am Bau bei Verfahren zur Umsetzung von Kunst im öffentlichen Raum Prozessen, die teilweise auf Stadtratsbeschlüssen25 basieren. Bisher erfolgte die Findung durch Einladungswettbewerbe, offene Wettbewerbe, der direkten Ankauf eines Kunstwerkes oder die Direktbeauftragung von Kunstschaffenden. Als jüngste Projekte sind folgende Kunst am Bau Projekte in Verantwortung des Kulturamts zu nennen: Die Gestaltung des Foyers des soziokulturellen Zentrums der Anker von den Leipziger Künstlern Christian Göthner und Michael Hensel mit der Objektreihe „Konsole“ (2016) sowie die Gestaltung eines Akustikvorhangs im Thomasalumnat (2013) durch den Gewinner Kunst im öffentlichen Raum Leipzigs des studentischen Wettbewerbs Oliver Philipp (Studierender der kooperierenden Westsächsischen Hochschule Zwickau, Studienrichtung Textilkunst/-design).
Jüngste Wettbewerbe für Kunst im öffentlichen Raum umfassen die Gestaltung des Herzliyaplatzes durch den Leipziger Architekten Ingo Andreas Wolf in 2018, das Luther Melanchton Denkmal im Plastikpark durch den Wiener Künstler Gerald Aigner (im Prozess) sowie die Neugestaltung und Belebung des öffentlichen Raums im südöstlichen Bereich des Museumskarrees an der Rückseite des Stadtgeschichtlichen Museums durch den Leipziger Künstler Maix Mayer.
Fußnoten
Musil, R. (2004). Nachlaß zu Lebzeiten, Reinbek bei Hamburg, 24. Auflage. S. 62
Vgl. Uhlrich, 1994. S. 40; Hölzig, C.D. (2014) Denkmal in Leipzig! Ein Stadtrundgang zu politischen Denkmalen. Stadtgeschichtliches Museum Leipzig. S. 11.
Uhlrich, C. (2015). Die Toten mahnen. Kriegerdenkmale in und um Leipzig. Leipzig: Pro Leipzig. S. 38.
Vgl.Uhlrich, C. (2005). Majestät hatten sich die Beine gebrochen: ... und andere Geschichten über Leipziger Denkmale und Plastiken. Leipzig: Pro Leipzig. 61f; vgl. AG Postkolonial (o.D.). Auf Postkolonialen Spuren in Leipzig. Ein Stadtplan. Veröffentlicht online.
Vgl. Bündnis ReTelling DOAA (2023). Colonial Memory: ReTelling DOAA. Leipzig.
Kurz, J. & Zólyom F. (2024) Kunst in Zeiten grauer Demokratie.: In: GfZK Leipzig,Zólyom, F., Kurz J., Warsza, J.: Art in Times of Gray Democracy. S. 23.
Baumgartl, 2013, Hölzig, 2014, S. 46 = Baumgartl, S. (2013) Zwischen Zentrum und Peripherie: Die Bedeutung alltagsweltlich lokalisierbarer Bezüge zur nationalsozialistischen Vergangenheit. In: Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig: Daniels, D.; Hattenkerl, T: Orte, die man kennen sollte — Dokumentation Spuren der nationalsozialistischen Vergangenheit in Leipzig, Leipzig 2014.; Hölzig (2014), S. 46.
Monrad Møller, M.-L. (2022). Streit um Leipziger Denkmal – Der Schatten über Wagner, in: Monopol Magazin Online, 09.02.2021. Veröffentlicht online.
Im selben Jahr wurde auch der Grundstein zum Richard-Wagner-Hain gelegt.
Stadt Leipzig. Referat für Gleichstellung von Frau und Mann. (o.D.). Leipziger Frauenportraits. Veröffentlicht online.
Das Akronym FLINTA* steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen. Das Sternchen (Asterisk) am Ende soll zusätzlich weitere Variationen der Geschlechtervielfalt einbeziehen (Quelle: bpb, kein Datum).
Daniels, D., Hölzig, C D., & Rodekamp, V. (2014). Freiheit, Einheit, Denkmal. Leipzig: Stadtgeschichtliches Museum. S. 23.
Uhlrich (1994), S. 58.
Jackes, A. (2021). Halle-Neustadt und die Vision von Kunst und Leben: Eine Untersuchung zur Planung architekturbezogener Kunst. Berlin: De Gruyter. S. 276.
Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) (Hg.) (2020) Kunst am Bau in der DDR. Gesellschaftlicher Auftrag – Politische Funktion – Stadtgestalterische Aufgabe“ Berlin: Deutscher Kunstverlag.
Guth, P. (1995). Wände der Verheissung: Zur Geschichte der architekturbezogenen Kunst in der DDR (1. Aufl.). Leipzig: Thom-Verl.. Zitiert nach: Topfstedt, T. (2008). Baubezogene Kunst in der DDR – das Beispiel Leipzig. In: Neumüllers, M. (2008). Kunst am Bau als Erbe des geteilten Deutschland: Zum Umgang mit architekturbezogener Kunst der DDR; Dokumentation (Online-Ausg.). Berlin: Bundesministerium für Verkehr,
Bau und Stadtentwicklung. S. 8.
Guth, P. (1990). Wunschbilder und Wirklichkeit - Ein Versuch über architekturbezogene Kunst in Leipzig. In: Büro für architekturbezogene Kunst und Denkmalpflege Bezirk Leipzig (Hg.): Architekturbezogene Kunst: Bezirk Leipzig, 1945–1990: Standortinventar. S. 9.
Ebenda, S. 17f.
Ebenda, S. 19.
Daniels, D. (2013) Künstlerische Praxis des politischen Gedenkens heute als »Realitäts-Test« für zeitgenössische Kunst. Veränderungen der Gedenkkultur seit 1990, Veröffentlicht online.
Zur ursprünglichen Drucklegung lagen u.a. Beschlüsse des Stadtrats vor, zukünftig der Kindereuthanasie in der Parkstadt Dösen zu gedenken, weiterhin einen Gedenkort für die Orte und Opfer von Zwangsarbeit im Nationalsozialismus sowie die Leipziger Kolonialgeschichte zu entwickeln und der Fluchtopfer aus der DDR sowie den Opfern von Femiziden zu erinnern. Neben weiteren Punkten findet sich auch der Beataufstand 1965 sowie die Leipziger Meuten auf der Liste für zu entwickelnden Erinnerungsorte.
Stand: November 2023
Julia Kurz ist Kuratorin und Kunstvermittlerin und leitet das Programm "Stadtkuratorin Leipzig"