Leipzig – Lokaler Kontext und aktuelle Stadtentwicklungskonzepte
Leipzig befindet sich besonders seit 1990 in einem kontinuierlichen, mitunter gegenläufigen Transformationsprozess. Aktuell wächst die Stadt wieder und sieht sich gleichzeitig mit ähnlichen gesellschaftlichen, klimatischen und globalen Veränderungen konfrontiert, die die meisten urbanen Räume momentan bewegen.
Leipzig befindet sich besonders seit 1990 in einem kontinuierlichen, mitunter gegenläufigen Transformationsprozess. Aktuell wächst die Stadt wieder und sieht sich gleichzeitig mit ähnlichen gesellschaftlichen, klimatischen und globalen Veränderungen konfrontiert, die die meisten urbanen Räume aktuell bewegen. Um die Prozesse nachhaltig und bedarfsorientiert steuern zu können, hat die Stadt Leipzig mehrere Strategien, Richtlinien und Konzepte entwickelt, die auch für ein Programm für Kunst im öffentlichen Raum relevant sind und in diesem Text beschrieben werden.
Das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (INSEK) Leipzig 2030 nimmt vor allem nachhaltiges und sozial ausgeglichenes Wachstum in den Blick und reagiert auf die unterschiedlichen Herausforderungen und Potenziale der einzelnen Stadträume. Diese unterscheiden sich zum Teil erheblich voneinander. Mit dem INSEK verfügt Stadtkuratorin Leipzig über eine ausgezeichnete Grundlage für die umfassende Recherche zu Bedarfen und Themen in den Ortsteilen. Die Richtlinie Leipzig // Stadt // Raum // Kunst, die unter anderem die Konzeption eines Programms für Kunst im öffentlichen Raum vorsieht, befasst sich konkret mit Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum und definiert Ansprüche an die Erhaltung und Visionen für zukünftige Projekte. Die Leitlinie des Leipziger Kulturrats zur zukünftigen Gestaltung der Erinnerungskultur betont das Ziel, möglichst große Teile der Stadtgesellschaft an Erinnerungskultur zu beteiligen und die Vielfalt der Geschichte und derer, die sich erinnern, abzubilden, während das Konzept für Erinnerungskultur der Stadt Leipzig vom Dezernat Kultur eine umfangreiche Recherche zu Schwerpunkten der Leipziger Geschichte und Empfehlungen zur Erinnerungskultur vorlegt.
Stadtkuratorin Leipzig greift auf das entwickelte Wissen und die herausgearbeiteten Strategien und Konzepte zurück, um gesellschaftliche Transformationsprozesse begleiten und die Rolle von Kunst im öffentlichen Raum in Bezug auf aktuelle Prozesse der Stadt- und Bevölkerungsentwicklung in Leipzig schärfen zu können.
Leipzig // Stadt // Raum // Kunst
Die 2019 vom Leipziger Stadtrat beschlossene Strategie und Richtlinie Leipzig // Stadt // Raum // Kunst befasst sich mit den Aufgaben der Stadt bei der Erfassung und Vermittlung vorhandener Kunst im öffentlichen Raum in Leipzig sowie der Umsetzung zukünftiger Kunst im öffentlichen Raum und Kunst am Bau-Vorhaben.
In der Strategie und Richtlinie wird bekräftigt, dass es zu den wichtigsten öffentlichen Aufgaben in der dynamisch wachsenden Stadt gehört, sozial nachhaltige städtische Infrastrukturen und Lebensräume zu schaffen – einschließlich der Gestaltung des öffentlichen Raums. Dabei wird besonders auf die Potentiale zeitgemäßer und vielfältiger künstlerischer Formate für Kunst im öffentlichen Raum und erinnerungskulturelle Projekte in diesen Prozessen verwiesen und vorgeschlagen, Kunst im öffentlichen Raum und Kunst am Bau auch als Katalysator für kulturelle und demokratische Bildung und als Kommunikationsplattform zu verstehen, auf der sich Stadtverwaltung, Stadtgesellschaft, unterschiedliche Interessengruppen, Communities, Szenen und Milieus begegnen können.
Mit der Etablierung eines stadtkuratorischen Programms Ende 2022 wurde entsprechend dieser Vorgaben ein Fokus auf die Entwicklung prozessorientierter und partizipativer Formate gelegt, die die Stadtgesellschaft in künstlerische Prozesse einbezieht und dabei aktuelle wie historische Kunst im öffentlichen Raum und Kunst am Bau als Ausgangspunkt nimmt.
Zukunft Jupiterplatz: Ein Aktionstag von Stadtkuratorin Leipzig gemeinsam mit dem mkk Kollektiv, greater form, der Utopischen Tafel und dem Amt für Wohnungsbau und Stadterneuerung der Stadt Leipzig
Für die Entwicklung möglicher Formate und nachhaltigerer, lokal informierter Projekte von Kunst im öffentlichen Raum ist die Kenntnis der spezifischen Situation in Leipzig und in seinen sich teilweise erheblich unterscheidenden Ortsteilen enorm wichtig.
Leipzig ist seit 1990 von sich wandelnden Veränderungen geprägt. Die Stadtsoziologin Annegret Haase beschreibt für Leipzig, dass aus dem „Management von Schrumpfung“ in den 1990ern in wenigen Jahren eine Planung für dynamisches Wachstum mit mehrfachem „Umdenken“ werden musste. 1
Nach Jahren des Leerstands sind heute Neubau, Nachverdichtung und der Erhalt von Frei- und Grünräumen wichtige Themen und Investitionen in den Wohnungsmarkt dringend nötig, mit der Notwendigkeit gleichzeitig Segregation, Verdrängung und Entmischung in den einzelnen Ortsteilen entgegenzuwirken. Inzwischen steigen die Wohnkosten in Leipzig sowohl im Neubau als auch im Bestand. Gerade in den Quartieren der inneren Stadt geht der über Jahrzehnte anhaltende Leerstand rasch zurück. Preiswerte Wohnungen gibt es vor allem in Großwohnsiedlungen wie Grünau und Paunsdorf.
Verließen im Laufe der 1990er Jahre um die 100.000 Personen Leipzig nach der politischen Wende 1989/1990, wurde dieser Bevölkerungsverlust inzwischen durch kontinuierlichen Zuzug seit Beginn der 2000er Jahre wieder kompensiert. Dabei kamen vor allem junge Menschen und Menschen mit Migrationsbiografie in die Stadt. Während vorerst noch die Arbeitsplätze fehlten, um die Personengruppen langfristig zum Bleiben zu bewegen, änderte sich dies nach 2006 vor allem im prekären Sektor mit der Ansiedlung von Dienstleistungsunternehmen wie BMW, Porsche, DHL und Amazon. Der Zuwachs an neuen Arbeitsmöglichkeiten sorgte, so Annegret Haase, langfristig für den Verbleib der Zugezogenen in der Stadt.
Leipzig hatte nach 2011 ein sehr hohes prozentuales Wachstum von 2 bis 3% pro Jahr und verzeichnet seit 2014 zudem einen leichten Geburtenüberschuss. Auch für die kommenden Jahre wird in Leipzig weiterhin mit einem dynamischen Bevölkerungswachstum gerechnet.
Leipzig ist in den letzten Jahren außerdem zunehmend internationaler geworden: Lebten 2017 noch 83.500 Menschen mit internationalen Biografien in der Stadt (14% der Bevölkerung), erfolgte 2018 50% der Zuwanderung aus dem Ausland. 2021 waren es 102.671 Menschen mit Migrationsbiografie (Deutsche mit Migrationsbiografie und Zugewanderte), was einem Anteil von 16,8% an der Gesamtbevölkerung entspricht.
In einer Statistik von 2021 veröffentlichte das Referat für Migration und Integration, dass die meisten Menschen mit Migrationsbiografie in Volkmarsdorf, Zentrum-Südost und Neustadt-Neuschönefeld leben. Die niedrigsten Zahlen haben Baalsdorf, Althen-Kleinpösna und Plaußig-Portitz. In Neustadt-Neuschönefeld haben dementsprechend 37,6% der Bevölkerung eine internationale Biographie, in Baalsdorf 3,1%.2
Ende 2019 wohnten in der Stadt Menschen aus insgesamt 176 Herkunftsländern, wovon die größte Anzahl aus Russland, Syrien, Polen, Rumänien, Vietnam und der Ukraine stammt.
Integriertes Stadtentwicklungskonzept (INSEK) Leipzig 2030
Die Stadt Leipzig hat mit dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept (INSEK) 2030 eine ausgezeichnete Grundlage für ein informiertes Arbeiten in den verschiedenen Ortsteilen geschaffen, um zukünftige künstlerische Gestaltungs-, Forschungs- und Diskussionsprozesse zu konzipieren. Das INSEK 2030 entstand zur nachhaltigen und bedarfsorientierten Steuerung der Stadtentwicklung und entwirft eine verbindliche Zukunftsstrategie zur Entwicklung von Leipzig und seinen 63 Ortsteilen für die nächsten zehn bis 15 Jahre. Bei der Entwicklung des Konzeptentwurfes waren neben Personen aus der Politik und Sachverständige aus Wirtschaft und Wissenschaft auch Privatpersonen aus Leipziger über Werkstattgespräche und Diskussionen beteiligt.
Die vier Raumkategorien der Ortsteilstrategie des INSEK 2030
Zentrales Ziel des INSEK ist es, das prognostizierte Wachstum im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung Leipzigs zu bewältigen und gleichzeitig die Lebensqualität in Leipzig zu erhalten. Dabei wurden die unterschiedlichen Gegebenheiten und Potentiale der einzelnen Stadträume analysiert und fruchtbar gemacht.
Das Fachkonzept Kultur im INSEK soll Ziele und Schwerpunkte der zukünftigen Leipziger Kulturarbeit und (trans)kulturellen Bildung formulieren und sowohl gesamtstädtische Interessen als auch kleinräumige oder lokale Bedarfe berücksichtigen, und dabei berücksichtigen, dass die Leipziger Bevölkerung nicht nur wachse, sondern auch jünger und zugleich älter werde, kulturell diverser, (digital) mobiler, aber auch lokal verbundener. 3
Karte der fachübergreifenden Schwerpunktgebiete der Stadtentwicklung
Stadtkuratorin Leipzig greift auf das entwickelte Wissen und die herausgearbeiteten Strategien zurück, um gesellschaftliche Transformationsprozesse begleiten und die Rolle von Kunst im öffentlichen Raum in Bezug auf aktuelle Prozesse der Stadtentwicklung in Leipzig schärfen zu können. So folgen die ersten Projekte der Reihe „UmRäumen – Urbane Kunst für Leipzig“ Impulsen zur räumlichen Verortung anhand der Kerngebiete, die im INSEK vorgestellt werden. Im INSEK wurden diese Gebiete als vordringlich betrachtet, da hier entweder für die gesamte Stadt relevante Entwicklungsaufgaben oder der Abbau struktureller Benachteiligungen anstehen. Die Kerngebiete werden in drei Kategorien definiert:
In den im INSEK als Entwicklungsgebiete bezeichneten Gebieten entstehen aktuell neue Stadtquartiere. Deren öffentliche Räume sollten inklusiv, bedarfsgerecht und für alle zugänglich gestaltet werden. Dabei wird der Anspruch formuliert, Stadtquartiere im Sinne der nutzungsgemischten europäischen Stadt der kurzen Wege zu entwickeln. Angestrebt sind mindestens 13 m² öffentliche und private Grünfläche je einwohnende Person. Diese sollen ins Umfeld vernetzt und stadtökologisch hochwertig, aber auch vielfältig nutzbar gestaltet werden.
Gebiete sind u.a. der Freiladebahnhof Eutritzscher/Delitzscher Str., die Westseite des Hauptbahnhofs, der Bayerische Bahnhof, die ehemaligen Kasernen in Möckern, und Paunsdorf-Heiterblick.Weiterhin benennt das INSEK Schwerpunktgebiete der integrierten Stadtteilentwicklung, die im stadtweiten Vergleich einen hohen sozioökonomischen Handlungsbedarf haben.
Der Fokus liegt in diesen Gebieten auf inklusiven Handlungsansätzen, die eine generationenübergreifende, sozial und ethnisch integrative Entwicklung der Stadtteile fördern. Für die Gebiete sollen ganzheitliche Stadtteilkonzepte erarbeitet sowie jeweilig Quartiersmanagement-Büros eingesetzt werden.
Gebiete sind hier Paunsdorf, Mockau, Grünau, der Leipziger Osten und Schönefeld.Die Aufmerksamkeitsgebiete werden im Sinne einer „Frühwarnung“ gelistet. Dort soll auf kleinräumige Problemlagen mit präventiven Maßnahmen reagiert werden. Auf vereinzelte kleinräumige Problemlagen können hier bei einer Verschlechterung der Gesamtsituation „punktuell geeignete, fachbezogene Fördermittel und Instrumente bzw. kommunale Mittel eingesetzt und bei Bedarf stadtteilbezogene Managementstrukturen aufgebaut werden.“ 4
Gebiete sind Teile von Gohlis-Nord, Möckern, Lößnig, Kleinzschocher, Altlindenau.
Der Johannes-R.-Becher-Platz in Lößnig ist ein lebendiger Treffpunkt an Markttagen und einmal im Jahr Schauplatz für das von der IG Lößnig ins Leben gerufene Lößnigfest. Die Nutzung des öffentlichen Raumes in Lößnig ist durch die teilweise konfliktreichen, gegenläufigen Bedürfnisse der unterschiedlichen Generationen geprägt.
In der Ortsteilstrategie des INSEK lassen sich für alle genannten Ortsteile bereits konkrete Handlungsansätze nachschlagen, die bei der Entwicklung lokaler Kulturprojekte unbedingt Beachtung finden sollten.
Das Fachkonzept Kultur des INSEK stellt heraus, dass Kultur ein vielfältiger Impulsgeber für die Stadtentwicklung darstellt und damit die Sicherung und Weiterentwicklung der Kunst- und Kulturszene in Leipzig, unterfüttert mit einer nachhaltigen Förderstruktur, eine wichtige Aufgabe darstellt. Dies bedeutet eine „ausgewogene, quartiersnahe Verteilung der kulturellen Angebote und Infrastruktur über die Gesamtstadt und die Sicherung von Stadträumen für Kunst und Kultur“. 5
Weiterhin wird die Zusammenarbeit der Leipziger Kultureinrichtungen in ressort- und fachübergreifenden Netzwerken gefordert, auch hinsichtlich der Etablierung von Kooperationen zwischen kommunalen Einrichtungen und der freien Kunst- und Kulturszene. Als zentral wird dabei die Ermöglichung kultureller Teilhabe angesehen, sowie die „Stärkung Leipzigs als national und international anerkannte, weltoffene Kulturstadt, die mit ihren kulturellen Angeboten ein vielfältiges Publikum anzieht“.
Die Schwerpunktgebiete der Stadtentwicklungsstrategie des INSEK treffen sich zu großen Teilen mit denen im Fachkonzept Kultur des INSEK festgelegten sechs Schwerpunkträumen. In Grünau, Paunsdorf, im inneren Osten, der Georg-Schumann-Straße und Umfeld ist der Erhalt sowie die Stärkung und Weiterentwicklung der kulturellen Angebote angestrebt, in der erweiterten Innenstadt, im inneren Westen und inneren Osten soll der Fokus auf den Erhalt und die Begleitung der kulturellen Entwicklung gelegt werden.
Im INSEK ist eine Weiterentwicklung der Beteiligung von Initiativen und der Bevölkerung vorgesehen. Hier hat die Stadt mit der Koordinierungsstelle für Bürgerbeteiligung und bürgerschaftliches Engagement im Rahmen der Initiative „Leipzig weiter denken“ bereits 2019 eine Stelle in der Stadtverwaltung geschaffen, die eine neue Beteiligungskultur in der Stadt kontinuierlich begleitet und weiterentwickelt – im Rahmen von Beteiligungsveranstaltungen, Befragungen und Online -Dialogen. Die Stelle betreut auch das Forum „Bürgerbeteiligung und bürgerschaftliches Engagement“ mit 19 Mitgliedern, welches die Stadtverwaltung in Hinblick auf die Qualifizierung von Beteiligung und die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements berät. Das Forum besteht zu gleichen Teilen aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Im INSEK sind unter anderem als Ziele der konzeptionelle Ausbau der Engagementförderung und der Ausbau von koproduktiven Projekten zwischen Verwaltung und stadtgesellschaftlich engagierten Personen genannt.
Leitlinien des Leipziger Kulturrats zur zukünftigen Gestaltung der Erinnerungskultur
Mit den Leitlinien des Leipziger Kulturrats zur zukünftigen Gestaltung der Erinnerungskultur liegt eine wichtige und ausführliche Handreichung vor. Für diesen Text werden in erster Linie die Punkte dargestellt, die zur Entwicklung einer positionierenden Haltung eines Programmes für Kunst im öffentlichen Raum herangezogen werden können. Sowohl in der Strategie und Richtlinie als auch im INSEK wird die Frage gestellt, wie wir zukünftig gemeinsam besser miteinander in Leipzig leben können – und das vor dem Hintergrund der uneingeschränkten Gleichstellung aller Menschen – unabhängig von Geschlecht, Alter, sozialer und ethnischer Herkunft, Religion, Weltanschauung, sexueller Identität und sexueller Orientierung. Als ein besonderes Ziel der Konzeption einer städtischen Praxis von Erinnerungskultur empfiehlt der Kulturrat nicht nur, wie auch im INSEK vorgesehen, möglichst große Teile der Stadtgesellschaft daran zu beteiligen, sondern verstärkt zu fokussieren, welche Gruppen und Beteiligte bisher nicht gehört und mit ihren Themen in das städtische Gedenken einbezogen wurden.
Auch in Fragen der Erinnerungskultur gilt es, Fehlstellen zu ermitteln und vor allem Strukturen der Beteiligung zu schaffen. Beispielsweise haben in Leipzig bis heute vorwiegend „weiße“ Menschen die Definitionsmacht über koloniale Erinnerungskultur in den städtischen Institutionen inne. Der Leipziger Kulturrat benennt, dass es innerhalb der Verwaltung und Politik als auch bei den zivilgesellschaftlichen aktiven Personen einer positionierten Haltung bedarf, die geprägt sein soll von Respekt, Augenhöhe, Vertrauen sowie einer Kultur des wechselseitigen Interesses der verschiedenen Gruppen, die an erinnerungskulturellen Aushandlungsprozessen teilnehmen. Museale Sammlungen, die Wirkung von Ausstellungen und Denkmalen sowie bestehender Festakte sollten regelmäßig überprüft werden, um zu fragen, welche Gruppen sich davon ggf. negativ adressiert oder gar nicht angesprochen fühlen. 6
Der Kulturrat betont, dass hiermit weder ein neuer Kanon geschaffen noch der bestehende angepasst werden soll, sondern der bestehende sowie nachwirkende erinnerungskulturelle Kanon schrittweise geöffnet und erweitert werden soll, was mit dem Begriff der „Verlebendigung des bestehenden Kanons“ umschrieben wird. Das heißt zum Beispiel für Orte des öffentlichen Raums, dass „Geschichte und Formen der Erinnerung (Straßennamen, Denkmale, Ausstellungsstücke, Rituale etc.) nicht einfach aus dem öffentlichen Raum entfernt oder ersetzt werden. Stattdessen sollten entsprechende Änderungen, Anpassungen oder Ersetzungen von der Stadtgesellschaft gemeinsam diskutiert und gestaltet werden.“ 7
Der Kolonialstein ist ein Findling in der Nähe des Völkerschlachtdenkmals, der nach dem 1. Weltkrieg an den Verlust der deutschen Kolonien erinnern sollte. Die ursprüngliche und kolonialrevisionistische Inschrift wurde zur Zeit der DDR entfernt. Bis heute gibt es keinen öffentlich kritischen Umgang mit diesem Denkmal.
Konzept für die Erinnerungskultur
Die AG Erinnerungskultur, die an das Dezernat Kultur angegliederte ist, hat im Juni 2023 ein Konzept für die Erinnerungskultur der Stadt Leipzig vorgelegt. Darin werden Schwerpunktthemen der Leipziger Erinnerungskultur benannt, die unter anderem auf Basis von Befragungen der Bevölkerung ermittelt wurden und neue, multiperspektivische Sichtweisen empfohlen, die für ein zukünftiges Engagement der Stadt eine Rolle spielen sollten. Die Umfrage ergab eine Liste mit Schwerpunkten in der Reihenfolge der Bedeutung, wie sie in der Umfrage benannt wurde und die sich in der Mehrheit auch in der Kunst im öffentlichen Raum der Stadt widerspiegeln:
Stadt der „Friedlichen Revolution ’89“
Völkerschlacht 1813
Messe- und Industriegeschichte
DDR-Geschichte
Buch- und Literaturstadt Leipzig
Musikstadt Leipzig
Architektur-, Kultur- und Kunststadt
Sportstadt Leipzig 8
Parallel hat das Dezernat epochenübergreifende Querschnittsthemen ermittelt, die bei der erneuten Auseinandersetzung mit bereits etablierten Themen wichtige Impulse für neue Perspektiven setzen sollen. Als Querschnittsthemen werden benannt: Demokratiegeschichte und soziale Bewegungen, Frauen- und Geschlechtergeschichte, Jüdische Geschichte, Geschichte der Stadtteile und Ortsteile, Migrations- und Fluchtgeschichte(n) sowie Unterdrückung, politische Gewalt, Sozialdisziplinierung und Ausgrenzung. 9
Weiterhin besteht der Wunsch, Verbindungen zwischen bisher eher nebeneinander existierenden Erinnerungsgemeinschaften auszubauen.
Die Querschnittsthemen können auch für die Weiterentwicklung eines Programms für Kunst im öffentlichen Raum relevante Ansatzpunkte bieten. Es gilt „stets aufs Neue zu fragen: Warum sind bestimmte Ereignisse oder Personen heute noch wichtig? Für wen ist es aus welchem Grund relevant, und wen schließen die bisherigen Formen der Kunst im öffentlichen Raum womöglich aus? Hat das Ereignis noch dieselbe Bedeutung wie vor zehn, dreißig oder einhundert Jahren? Und wie sollten wir jetzt und künftig an dieses Ereignis erinnern? Welchen Einfluss haben aktuelle Ereignisse auf die Veränderung unserer Erinnerungskultur und -praktiken?“10
Fußnoten
Haase, A. (2020). Leipzig – Von der schrumpfenden zur wachsenden Stadt. in: d21 Kunstraum Leipzig e.V. und Octagon Architekturkollektiv. Stadttfinden Festival-Workbook – Gemeinsam die wachsende Stadt gestalten. S. 15–17.
Vgl. Haase (2020), S. 15; Stadt Leipzig (2021). Statistik zu Migrantinnen und Migranten in Leipzig 2020, S. 2. Veröffentlicht Online.
Stadt Leipzig (2018). INSEK Leipzig 2030, Gesamtfassung (Vorlage), C 2.6 - 1. Veröffentlicht online.
Ebenda, B-5.
Ebenda, S. 25.
Kulturdezernat der Stadt Leipzig (2021). Vorschlag | Leitlinien des Leipziger Kulturrats zur zukünftigen Gestaltung der Erinnerungskultur, S. 3. Veröffentlicht online.
Ebenda, S. 4.
Kulturdezernat der Stadt Leipzig (2023). Konzept Erinnerungskultur der Stadt Leipzig, S. 9f. Veröffentlicht online.
Ebenda S. 11 ff.
Ebenda, S. 10.
Stand: November 2023