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Dokumentation

(Un)Sicherheit von BI_PoC und FLINTA* beim künstlerischen Arbeiten im öffentlichen Raum

Gesprächs- und Austauschformat im Rahmen des Symposiums „Safer Spaces“ am 7.12.24

Senja Brütting
Das Bild zeigt eine Person, die eine bunte Karte hochhält und anschaut. Sie sitzt auf einem roten Sitzkissen. Im Hintergrund hängt bunter Stoff.
© Alexandra Ivanciu

Das moderierte Gesprächs- und Austauschformat zum Thema „(Un)Sicherheit von Bi_POC und FLINTA* beim künstlerischen Arbeiten im öffentlichen Raum“ brachte eine vielseitige und engagierte Gruppe von circa 15 Teilnehmenden zusammen. Die Gruppe setzte sich aus unterschiedlich aktiven Künstler:innen sowie kreativ schaffenden Menschen aus Leipzig zusammen, die sich verschiedenen Communities zugehörig fühlen. Die Teilnehmer:innen positionieren sich als weiß, non-binär, trans, cis sowie als Schwarz, People of Color und queer und machen daher unterschiedlichste Diskriminierungs- und Marginalisierungserfahrungen.

Bi_PoC ist eine Abkürzung für Black, indigenous und People of Color und steht im Deutschen für Schwarze, indigene Menschen und Personen of Color. Es beschreibt eine politische Selbstbezeichnung von Menschen, die in einer weißen Mehrheitsgesellschaft rassifiziert werden. Der Begriff soll die spezifische Gewalt, kulturelle Auslöschung und Diskriminierung hervorheben, die Bi_PoC erfahren.

FLINTA* ist ein Akronym, das für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen steht. Der Asterisk dient als Platzhalter für alle Personen, die sich in keinem der genannten Begriffe wiederfinden, aber dennoch aufgrund ihrer Geschlechtsidentität von Marginalisierung betroffen sind.

Während einige Teilnehmende sich bereits seit Langem als Künstler:innen in der Stadt etabliert haben, bezeichnen Andere ihre Arbeit zwar als kreativ, aber nicht explizit als künstlerisch. Diese Zusammensetzung schuf eine Grundlage für vielfältige Perspektiven und Erfahrungen.

Das Bild zeigt eine Gruppe von Menschen, die auf dem Boden und auf Sitzkissen im Kreis sitzen. Sie befinden sich in einem Innenraum mit Fenstern und sind umgeben von bunten Vorhängen.
© Alexandra Ivanciu

Zu Beginn des Workshops war es wichtig, den Raum so zu gestalten, dass sich alle sicherer und willkommen fühlen konnten. Methodische Elemente sowie leckere Snacks und wohltuender Tee halfen dabei, eine offene Atmosphäre zu schaffen. Gemeinsam nutzten wir Bildkarten, eine kurze Meditation und Übungen zum Ankommen im Raum, um die Anderen wahrzunehmen und das eigene Nervensystem zu beruhigen. Wir machten Atempausen und nahmen uns Zeit, damit jede Person etwas über sich und eigene Erfahrungen erzählen konnte. Dieses somatische, entschleunigte und kreative Kennenlernen legte den Grundstein für einen vertrauensvollen Austausch.

Thematische Schwerpunkte und Diskussionen

Im Verlauf des Gesprächs kristallisierten sich zwei zentrale Themen heraus:

  1. Was bedeutet es, als Künstler:in etabliert zu sein?

  2. Welche Forderungen haben wir als Leipziger Künstler:innen an die Stadt Leipzig? Was wünschen wir uns?

Der gemeinsame Austausch trug zu einem besseren Verständnis der unterschiedlichen Bedürfnisse und Erfahrungen der Teilnehmenden bei. Die Künstler:innen schilderten verschiedene Formen der Ausgrenzung und Gewalt, die sie in der Kunst- und Kulturszene erlebt haben. Dazu gehörten transfeindliche, rassistische und sexistische Diskriminierungen, die in einigen Fällen zu einem – teils selbstgewählten – Ausschluss aus künstlerischen Produktionen führten.


Ein zentrales Problem ist das Fehlen von Räumen für Austausch und Reflexion, in denen diskriminierendes Verhalten auf interpersoneller und struktureller Ebene thematisiert werden kann. Hinzu kommen der Zeitdruck und knappe finanzielle Ressourcen, unter denen viele Produktionen leiden, was die Einbindung von Mediation als Prozessbegleitung erschwert.


Die genannten Erfahrungen sind real. Ohne eine Aufarbeitung dieser Verletzungen wird die Weiterarbeit an Projekten in manchen Fällen unmöglich, was zum Ausschluss führt und wichtige Netzwerke zerstört. Dies kann einen Rückzug aus Kunst- und Kulturräumen zur Folge haben, wodurch die Kulturlandschaft an Diversität verliert und sich verschiedene Gruppen weiter voneinander entfernen. Dadurch gehen bedeutende Stimmen verloren.

Zudem stehen viele Künstler:innen vor der Herausforderung, erschwerten Zugang zu Fördergeldern und den Netzwerken von Kulturinstitutionen zu haben, was ihre Arbeit zusätzlich beeinträchtigt.

Das Bild zeigt eine Person mit langen schwarzen Locken von hinten. Sie hält ein Schild hoch. Auf dem Steht:
© Alexandra Ivanciu

Forderungen und Wünsche der Gruppe

Ein zentrales Ergebnis des Workshops war die Erarbeitung eines Forderungskatalogs, der die konkreten Wünsche und Bedürfnisse der Teilnehmenden zusammenfasst. Die Forderungen umfassen strukturelle Änderungen sowie konkrete Maßnahmen, um diskriminierungsfreie und sichere Arbeitsbedingungen im Kulturbereich zu schaffen:

  1. Antidiskriminierungsklauseln in Verträgen in allen Bereichen der Kulturproduktion

    • Verträge sollen verpflichtend Antidiskriminierungsklauseln enthalten. Diese müssen sicherstellen, dass bei Diskriminierung verursachte Verletzungen und daraus resultierende Arbeitsausfälle keine finanziellen Nachteile für Betroffene haben. Honorare sollen weiterhin gezahlt werden.

    • Unterstützung durch das Antidiskriminierungsbüro oder andere NGOs sollte institutionell verankert werden.

  2. Diskriminierungssensible Vertrauensperson/ Awarenessperson für jede künstlerische Produktion, die die Mehrfachbelastung von marginalisierten Personen auffängt und sie unterstützt. Diese wird für ihre Arbeit ausreichend honoriert.

  3. Keine Verträge mit NDAs (Geheimhaltungsvereinbarungen), ohne sichere Ausstiegsmöglichkeiten für marginalisierte Personen. Ein Non-Disclosure Agreement (NDA) oder Geheimhaltungsvereinbarung ist ein Vertrag, bei dem sich die beteiligten Parteien verpflichten, alle sensiblen Informationen streng geheim zu behandeln und nicht weiterzugeben. Dies kann für marginalisierte Personen dazu führen, dass sie Benachteiligungen und Diskriminierungserfahrungen nicht nach außen tragen dürfen und somit keine Sichtbarkeit erfahren.

  4. Einblicke in Dokumentationen der Vorjahre:

    Transparenz über diskriminierende Vorfälle und deren Bearbeitung soll durch den Zugang zu entsprechenden Dokumentationen ermöglicht werden, z.B. in Fällen, in denen sich auf das AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetzt) bezogen wurde.

  5. Gründung einer Gewerkschaft für marginalisierte Personen.

  6. Etablierung eines „Access Needs“ oder „Access Riders“:

    Diese Dokumente sollen bereits zu Beginn einer Arbeitsbeziehung wichtige Fragen und Bedürfnisse klären, um ein sicheres und angenehmes Arbeiten für Künstler:innen sowie Institutionen, Galerien oder Veranstaltungsorganisationen zu gewährleisten.

  7. Verpflichtende Fortbildungen für Führungskräfte wie Direktor:innen, Intendant:innen, Kurator:innen, künstlerische Leitung, Choreograf:innen, Kunstvermittler:innen etc. und im besten Fall auch für das ganze Produktionsteam zu Diskriminierungssensibilität als Basis der gemeinsamen Arbeit.

  8. Ausgleichszahlungen: Rassifizierte und Bi_Poc Personen sollen aufgrund struktureller, individueller und systemischer Benachteiligung höhere Löhne erhalten. Der damit zusammenhängende Schmerz und die emotionale Arbeit sollen mehr Anerkennung finden.

  9. Einrichtung einer zentralen Meldestelle im Kulturdezernat: Diese Stelle könnte durch FLINTA- und BiPoC-Personen, die dafür ausreichend bezahlt werden, unterstützt werden, um Vorfälle von Diskriminierung zu bearbeiten und präventiv vorzubeugen.

  10. Ein Haus für FLINTA- und BiPoC-Künstler:innen: Ein 24/7 geöffneter Raum, der als Arbeitsstätte, Schutzraum und Rückzugsort gleichermaßen genutzt werden kann. Hier soll ein Gefühl von Community und Zusammenhalt kreiert werden. Dieser ist selbstorganisiert und nicht abhängig von staatlichen Geldern.

Eine Gruppe von Leuten kniet und sitzt im Kreis auf dem Boden. In ihrer Mitte liegen bunte Karten und Snacks.
© Alexandra Ivanciu

Fazit

Das Austauschformat zeigte deutlich, wie wichtig es ist, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich sicherer fühlen und offen miteinander sprechen können. Die Erfahrungen und Perspektiven der Teilnehmenden trugen dazu bei, konkrete Forderungen für eine diskriminierungsarme Kunst- und Kulturlandschaft zu entwickeln. Es wurde deutlich, dass Safer Spaces nicht nur physische Orte, sondern auch gelebte Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung sind.


Mit dem erarbeiteten Forderungskatalog soll ein wichtiger Impuls für strukturelle Veränderungen in der Leipziger Kulturszene gesetzt werden – hin zu mehr Solidarität, Austausch und Wohlfühlräumen für alle.

Senja Brütting leitete das Gesprächs- und Austauschformat im Rahmen des Symposiums Safer Spaces im öffentlichen Raum – Kunst als Medium und Methode. Senja lebt und arbeitet in Leipzig und ist Tänzer:in, Movement Performer und Bildungsreferent:in für rassismuskritisches Empowerment.

Zuletzt geändert: 25. 9. 2025