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Leipziger Mosaiken zwischen 1949 und 1990 – erfassen, bewerten, erhalten
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Leipziger Mosaiken zwischen 1949 und 1990 – erfassen, bewerten, erhalten

Klaus Jestaedt, Leiter der Leipziger Denkmalpflege, hebt die Bedeutung Leipzigs für die architekturbezogene Kunst der DDR hervor – besonders für die Mosaikkunst von 1949–1990. Neue Funde zeigen, dass das Thema noch nicht ausgeschöpft ist. Die Untersuchung widmet sich daher erneut Vielfalt, Bedeutung und aktuellem Umgang mit diesem kulturellen Erbe.

Klaus Jestaedt

Ein Büro für architekturbezogene Kunst (1970–1990), ein Inventar für baugebundene Kunst (1990) und eine in Leipzig verfasste Habilitationsschrift zu den Wände(n) der Verheißung (1995) legen nahe, dass Leipzig in der Geschichte der baugebundenen Kunst im Allgemeinen, aber auch bei der Erstellung von Mosaiken zwischen 1949 und 1990 im Besonderen keine Neben-, sondern eine der Hauptrollen auf dem Staatsgebiet der DDR gespielt hat. Sie vermitteln zudem den Eindruck, dass über Leipziger Mosaiken der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert das meiste schon bekannt und gesagt ist. Neuere Forschungsarbeiten, Internetblogs und Zufallsbefunde erweitern jedoch seit den 2010er Jahren das scheinbar Bekannte und werfen neue Fragen auf. Grund genug also, sich erneut mit der Erfassung, Bewertung und der Frage der Erhaltung von Mosaiken in Leipzig auseinanderzusetzen. Dabei sollen die abbildenden oder abstrahierenden Mosaikgestaltungen von Fassaden(-teilen) oder Innenräumen im Leipziger Stadtgebiet im Mittelpunkt dieser Beschäftigung stehen. Ihr Spektrum reicht von kleinteiligen Glas- oder Steinmosaiken über Steinintarsien, Klinker- und Spaltklinkermosaiken bis hin zu keramischen oder Emaillemosaiken. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen, sollen die bewahrten Mosaiken auf die ihnen zugrundeliegenden Arbeitsstrukturen und Akteure, ihre zeitliche Entstehung, Inhalte, Technik, (Anbringungs-)Orte, entwerfenden Künstler und ausführenden Handwerker befragt werden. Neben dem Versuch einer kunsthistorischen Einordnung sollen Fragen der Erfassung und des bisherigen Umgangs mit den nur zu Teilen denkmalgeschützten Mosaiken eine Standortbestimmung ermöglichen und Fragen zu künftigen Perspektiven aufwerfen.

Strukturen/Akteure

Mosaiken sind als Bausteine architekturbezogener Kunst Bestandteil der Kulturpolitik der DDR. Sie sollen staatliche Ziele transportieren, indem sie politische Inhalte verbildlichen und so in den Alltag der Bürger hineinwirken. Um dieses Ziel zu erreichen, benötigt man Finanzmittel, Arbeitsstrukturen und Akteure. Mit der Bereitstellung von zwei Prozent der Baukosten steckt man bereits 1950 den Finanzrahmen für baugebundene Kunst ab. Eine Abschmelzung auf ein halbes Prozent der Investitionskosten schmälert dieses Budget 1971 deutlich.1 Die Verteilung dieser Geldfonds befindet sich zwischen 1950 und 1990 in den Händen der Vorhabensträger als Mittelbereitsteller und staatlicher Kommissionen als Auftraggeber. Zusätzlich werden Interessensvertreter wie der Verband der Bildenden Künstler der DDR und der Bund Deutscher Architekten, lokale Akademien und zu Teilen auch interessierte Laien in das System eingebunden. Nicht zuletzt führen die vielfach wechselnden Zuständig- und Verantwortlichkeiten wiederholt zu Unmut und Verdruss von Beteiligten, bis man 1970 in Leipzig das Büro für architekturbezogene Kunst im Büro des Chefarchitekten gründet und die Kompetenzen bündelt. Obwohl Ressorts, Inhalte und Namen des Büros mehrfachen Änderungen unterliegen,2bleiben die wesentlichen Arbeitsinhalte des Büros bis 1990 erhalten: Entsprechend politscher Rahmenvorgaben liefern ausgewählte Künstler Entwürfe, die im Rahmen der Auftragsvergabe weiterentwickelt und ausgeführt werden. Dem Büro obliegt dabei Vergabe, Überwachung und Abrechnung.3 Als Auftragnehmer werden Leipziger Künstler bestimmt, die dem Verband Bildender Künstler angehören und in der Regel an der Fachschule für angewandte Kunst (1945–1964) oder aber der Hochschule für Grafik und Buchkunst ausgebildet sind oder dort lehren. Insofern lassen sich die Mosaiken auch als Beispiele architekturbezogener Kunst der Leipziger Schule lesen. Namen wie Dietrich Burger, Hans-Hendrik Grimmling, Arno Rink, Arndt Schultheiß, Max Gerhard Uhlig – um nur einige zu nennen – verdeutlichen den hohen künstlerischen Anspruch an die Gestaltung neuer Lebenswelten. Dabei sind Doppel- und Mehrfachbeauftragungen von Künstlern keine Ausnahme. Die Beauftragung jenseits dieser Matrix bleibt indes die Ausnahme.4 Die Entwürfe für die Gestaltung von Mosaiken werden auf der Grundlage detaillierter Verträge auskömmlich vergütet. Die Entgelte können dabei sowohl als Beitrag zur sozialen Absicherung anerkannter Künstler als auch als Akt staatlicher Kunstförderung und politscher Integration künstlerischer Milieus gewertet werden. Zu den entwerfenden Künstlern treten die ausführenden Mosaizisten, die – in einem Arbeiterstaat erstaunlich – nur zu Teilen namentlich überliefert sind.

(Anbringungs-)Orte

Als baugebundene Kunst sind Mosaiken eng mit ihren bewusst gewählten Anbringungsorten verbunden. Nachträgliche Einfügungen – wie im Vestibül des Sowjetischen Pavillons – sind der besonderen Bedeutung der Trägerarchitektur geschuldet und bleiben in Leipzig die Ausnahme.5 Auch dekorative Mosaikverwendungen, beispielswiese an Säulen, Fensterstürzen oder -brüstungen, sind selten. Der Einsatz von Mosaiken bleibt in der Regel auf Neubauten und Neubaugebiete beschränkt. Kindergärten, Schulen und Universitäten sind ihr vornehmlicher Anbringungsort. Daneben lassen sie sich vor allem an Krankenhäusern und Apotheken, Schwimmbädern und Vereinsgebäuden nachweisen – Bauten geistiger und körperlicher Ertüchtigung also. Zum Großteil treten sie am Außenbau an den Eingängen, im Inneren meist bei Foyers und Treppenhäusern in Erscheinung.

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© Klaus Jestaedt

Ferdinand-Rhode-Straße 17a, Dietrich Burger: Kind und Musik, Fliesenbruchmosaik, 1973.

Der von Beginn an gezielten An­bringung von Mosaiken an Hochbauten folgt ein immer weiter ausdifferenzierter Umgang: Sichtbarkeit und Erkennbarkeit, aber auch die Tendenz zur Aufwertung der Nutzung durch Kunst am Bau kennzeichnen den Umgang. Mit der Bildung des Büros für architekturbezogene Kunst wird das erprobte Vorgehen weiter ausgebaut. So folgen der Erstellung eines »Generalsplans für Kunst«6 bildkünstlerische Konzepte für Neubausiedlungen7 und Einzelbauten.8 Selbstverständlicher Bestandteil dieser Konzepte sind Mosaiken. Neben diesen übergeordneten Planungen lassen auch hochbauliche Projektplanungen ein geregeltes Vorgehen erkennen. So reserviert beispielsweise das Baukombinat Leipzig seit den 1970er Jahren für die von ihm entwickelten Kindergarten- und Schultypen auf die Eingänge bezogene Flächen, die regelmäßig mit Mosaiken versehen werden.9 Besonders eindrucksvoll lassen sich diese Planungen und deren Umsetzung in Leipzig-Grünau erleben. Dort werden neben den Schulen Ladeneinheiten und Giebelwände von Plattenbauten Träger großflächiger Mosaikbildwerke. Sie betonen so den öffentlichen Raum, werten Einzelbauten auf und unterstreichen städtebauliche Markanten der Großstrukturen. Auf diese Weise werden Mosaiken weniger punktuell-bildhaft wirksam, sondern als großflächige Gestaltungen Teil der gebauten Umwelt.10

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© Klaus Jestaedt

Ludwigsburger Straße 2, unbekannt: Großplattenmosaik mit Spaltklinkereinlagen, um 1980.

Techniken/Materialien

Ein Gutteil der zwischen 1949 und 1990 entstandenen Mosaiken in Leipzig ist in traditioneller Art und Weise aus in Mörtel verlegten gläsernen oder steinernen Mosaikteilen entstanden. Dabei werden die von den Künstlern gelieferten Entwürfe in Ausführungsplanungen überführt und durch Kunsthandwerker auf die Wände oder auf eigene Trägerplatten appliziert. Neben Glas und Stein werden Kacheln als Material genutzt. Als Einzelanfertigungen können sie ein zusammenhängendes Motiv bilden oder ihrerseits als Träger bildlicher Fassungen dienen. Gern nutzt man aber auch Fliesenbruch in verschiedenen Größen, um Mosaiken zu fügen. Die kleinteiligen Mosaiken erfahren durch Klinker- und Spaltklinkermosaike11 eine Erweiterung. Nicht nur die größeren Materialformate, sondern auch ihre Aufbringung auf Trägerplatten ermöglichen ein schnelleres Arbeiten, mit dem Großflächen bespielt werden können. Eingefärbte Betonplatten mit Spaltklinkereinlagen reduzieren den Arbeitsaufwand noch einmal. Die so gefertigten Plattengrundtypen werden durch Drehung in rhythmisierte Großmosaiken meist an Giebelwänden überführt.

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© Klaus Jestaedt

Gutenbergplatz 4, unbekannt, Spaltklinkermosaik, um 1980.

Die Schaffung großer Flächen ist auch durch Einsatz von Mosaiken aus Industrieemaille möglich. Hier werden Platten aus Edelstahl oder Kupferblech durch Emaillierung aufgewertet und in gereihter oder rhythmisierter Anbringung zu Bildwerken verbunden. Einen grundsätzlich anderen Weg beschreiten Steinintarsien, bei denen dünn geschnittene Steinplatten nahezu fugenlos aneinanderstoßen. Im Laufe der Zeit treten zu den Steinplatten unterschiedlicher Varietät – in Leipzig etwa Kalkstein, Diabas, Schiefer und Granit – auch andere Materialien wie Beton oder Edelstahl. Mit der zunehmend freieren Materialwahl geht der Verzicht auf fest umrissene Formate einher. Nicht nur im Innenraum lässt sich die Tendenz zur Auflösung und zur collagierten Einbettung etwa von keramischen Elementen in Wandflächen nachweisen.

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© Klaus Jestaedt

Georgiring 4–9, Max Gerhard Uhlig: Alter Messehändler, Steinintarsie, 1963.

Mit Collagen- und Assemblagetechniken sind die Grenzen des Mosaiks bereits überschritten. Sowohl die unterschiedlichen Träger, Anbringungen und Techniken als auch die verwendeten Materialien wie Glas, Stein, Metall und Klinker bis hin zu keramischen Sonderanfertigungen zeigen die große Bandbreite technischer Möglichkeiten, die wiederum nicht losgelöst von Auftragsvorgaben – sowohl in materieller als auch in thematischer Hinsicht – zu bewerten sind.

Themen/Inhalte

Es gibt keinen Zweifel daran: Der größte Teil der Leipziger Mosaiken sind Werke staatlicher Auftragskunst mit dem erklärten Ziel, als Teil der Propaganda der DDR wirksam zu werden. Dabei folgen die Bildwerke ausformulierten parteipolitischen Vorgaben. Das wird besonders deutlich an den ehrgeizigen Themenstellungen, die z. B. für Großbauvorhaben wie Grünau formuliert werden. Dort wird die Zielstellung für das Gesamtvorhaben diktiert: Mithilfe übergeordneter Themen in den einzelnen Wohnkomplexen (WK) sollen sozialistische Lebensweise und sozialistischer Internationalismus dokumentiert werden. In WK 1, 2, 3 und 6 lautet das Thema Freundschaft vereint die Jugend der Welt, in WK 4 und 5 Sozialistischer Internationalismus und sozialistischer Patriotismus, während WK 7 und 8 Sozialistische Nationalkultur und Wissenschaft darstellen sollen. Die thematisch nachgeordneten Bauaufgaben – Kindergärten und Schulen – erhalten auf das Leitthema bezogene Unterthemen. Die 86. Schule im WK 4 soll etwa die Vorgabe Lernen, Vermächtnis und Bekenntnis zur internationalen Arbeiterbewegung verbildlichen.

Was für die neuen Leipziger Stadtquartiere gilt, ist auch für solitäre Neubauten der Standard. Alle baugebundene Mosaikkunst unterliegt engmaschigen Direktiven. Allerdings werden die Bauaufgaben thematisch voneinander geschieden. Staatstragende Themen sind im Sinne politischer Ikonografie für Hochschulen deutlicher formuliert, während sie an Schulbauten allgemeiner gehalten werden. Kinderhorte und Kindergärten zeigen mit scheinbar unpolitischen Inhalten eine behutsame Heranführung an staatliche Zielsetzungen.12

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© Klaus Jestaedt

Krönerstraße 43/45, Max Gerhard Uhlig: Peter und der Wolf, Klinkermosaik, 1970/71.

Eine Abnahme politscher Vorgaben ist ebenso für die Innenbereiche festzustellen: Foyers, Treppenhäuer und Säle zeigen eine thematische Profanierung. Gleichsam entpolitisiert stellen sich strukturierte, rhythmisierte Mosaikflächen aus Steinzeug-, Glas- und Steinmosaiken an Fassadenteilen, Wandsegmenten, Säulen und Balkonbrüstungen dar. Sie entziehen sich als abstrahierte Flächengestaltungen an Außen- und Innenwänden staatlicher Kontrolle, sind keine Auftragswerke und werden doch als ungegenständliche Nebenströmung wesentlicher Bestandteil der Leipziger Mosaikgeschichte zwischen 1949 und 1990.

Entwicklungen/Zeiten

Als baugebundene Kunst tritt das Mosaik in Leipzig 1952 erstmals am Sowjetischen Pavillon in Erscheinung. Meißener Kachelbilder im Äußeren und ein Monumentalmosaik im Inneren formulieren den hohen Anspruch, der in den kommenden Jahrzehnten an Mosaikkunst gestellt wird: eine alte Kunstform mit neuer Bildsprache für ein Staatswesen und seine Werte zu nutzen.13 Diese an sowjetischer Propagandakunst ebenso wie am lateinamerikanischen Muralismo geschulte Zielvorgabe findet in Leipzig jedoch nur zögerlich und mit Verspätung Eingang in das örtliche Baugeschehen. Nur wenige Beispiele – etwa die Darstellung der internationalen Studentenschaft am Haupteingang der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (1962) – nehmen die DDR-weit entwickelte politisch-agitatorische und naturalistische Bildsprache auf.

Der Großteil der Leipziger Mosaiken bedient sich der erarbeiteten politischen Ikonografie nur mit Versatzstücken: Forschende Frauen, Kosmonauten im Weltall, Friedenstauben und die sozialistische Sonne werden dabei illustrativ-genrehaft in den Mittelpunkt gerückt und zugleich in abstrahierte Flächengestaltungen eingebunden. Eine Orientierung an legitimierten Künstlern wie Pablo Picasso und Fernand Léger ist dabei ebenso deutlich wie eine unverkennbar von Buchkunst und Grafik beeinflusste Auffassung. So betritt man in der internationalen Buch- und Messestadt im Vergleich mit anderen Städten – etwa der Hauptstadt Berlin – vergleichsweise moderate Wege in Ausdruck und Bildsprache, ohne dabei parteipolitische Direktiven außer Acht zu lassen.

Die Abstraktion ist dabei nicht nur einer sichtbaren Liberalisierung der Bildsprache seit den 1960er Jahren geschuldet, sondern auch einer Erweiterung künstlerischhandwerklicher Techniken. Diese Entwicklung ist nicht ohne Förderung und nicht ohne Vorbilder möglich. Dem 1970 eingerichteten Büro für architekturbezogene Kunst kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Ihm scheint es zu danken zu sein, die Palette vorgegebener künstlerischer Techniken erweitert und gleichzeitig DDR-weite Strömungen vermittelt zu haben. Die Kontakte zu Hoch- und Fachschulen werden dabei ebenso Früchte getragen haben wie der fachliche Austausch mit anderen Büros für architekturbezogene Kunst. So ist etwa die Leipziger Steinintarsienkunst nicht ohne die Burg Giebichenstein, Kurt Bunge und seine Arbeiten für die Stalinallee zu verstehen, die Emaillekunst nicht ohne das Institut für Industrieemaille, seinen Protagonisten Willy Neubert und dessen Arbeit für das Verlagshaus Freiheit in Halle und die Klinkermosaiken nicht ohne die architekturbezogene Kunst von Friedrich Kracht, Friedrich Press oder etwa Reinhard Dietrich.14 Neben diesen Haupt- lassen sich Nebenströmungen nachweisen. So kann 1959 offensichtlich jenseits lokalpolitscher Vorgaben der Nicht-Leipziger Bert Heller für die Herstellung eines abstrahierten Mosaiks gewonnen werden. Max Gerhard Uhlig beschreitet am Georgiring einen anderen Weg, indem er folkloristische Darstellungen in die Pavillonarchitektur (1964) einbindet. Der Neubau einer Volksschwimmhalle (1968) und einer Vereinsgaststätte kommen indes mit Klinkerreliefs rein sportlicher Darstellung aus, während es Friedrich Press an der katholischen Kirche in Wiederitzsch möglich ist, aus Ziegelwänden Reliefs theologischen Inhalts zu formen (1970). Regelmäßig zeigt sich Mosaikkunst in Leipzig aber auch nicht gegenständlich. Ob an der Hauptpost von 1964 Natursteinriemchen dezent Fassadenflächen überspannen, ob am Hotel Merkur (1978) eine perlmuttfarbene Keramikmosaikhaut schimmert, ob die Erweiterung der Staatssicherheit (1985) im Erdgeschoss mit einem aufwendigen Steinintarsienrelief 15 ungewollt die Aufmerksamkeit auf sich zieht oder aber postmoderne Plattenbauten wie in der Nürnberger Straße 35–39 ihre Fassaden als Großmosaiken auffassen – LeipzigerMosaikkunst ist weit mehr als durch Künstler hervorgebrachte baugebundene Kunst. Sie trägt in vielen bewahrten ungegenständlichen Bespielen ein bisher oft wenig beachtetes Kapitel zur von Architekten beförderten Baukunst der DDR bei. Ganz am Ende orientiert man sich wieder am Anfang: 1990 schafft Arno Rink Mosaiken aus Glassteinen, die nun mit neuer künstlerischer Freiheit raumgreifend, entpolitisiert und abstrakt Teil einer baulichen Umweltgestaltung sein möchten und nach 1990 leider keine Fortsetzung erfahren haben.

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© Klaus Jestaedt

Delitzscher Straße 141, Haus 33, Arno Rink, unbekannt, Glasmosaik, 1990.

Umgang

1990 waren DDR-Mosaiken erstmals Gegenstand von Erfassungsleistungen, denen eine digitale Listung von (DDR-)Kunst im öffentlichen Raum (2005) und eine Zusammenstellung von Kunst am Bau an Schulen und Kindergärten im Eigentum der Stadt Leipzig (2017–2019) folgten. Diese lückenhaften Erfassungen wurden in den vergangenen drei Jahren durch den Verfasser ergänzt und aktualisiert und stellen – vor allem im Bereich ungegenständlicher Mosaiken – eine (noch) unvollständige Grundlage dar.16 Dennoch zeigt eine Auswertung der bisher gelisteten Leipziger Mosaiken Tendenzen zu deren Bestand, Erhaltung und Umgang auf. Bisher sind 85 zwischen 1949 und 1990 entstandene Mosaiken erfasst, von denen sich 61 am Außenbau und 24 im Inneren von Bauten befinden. 58 Mosaiken sind erhalten geblieben, 24 wurden ersatzlos abgetragen und vier wurden eingelagert. Nur 25 Mo­saiken sind denkmalgeschützt, meist als Bestandteil eines Einzeldenkmals. Allein drei Mosaiken konnten – vor allem in den letzten Jahren – im Bestand gesichert oder restauriert werden.

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© Klaus Jestaedt

Mannheimer Straße 128 b, Schulrisalit mit Betonplattenmosaik, 1977, Zustand 2020.

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© Klaus Jestaedt

Mannheimer Straße 128 b, Schulrisalit nach Sanierung, 2020.

Der Umgang mit den Mosaiken nach 1990 lässt sich leicht nachvollziehen. Einem nach der Wende wüsten Bildersturm – vor allem auf Schulrisalite der 1970er und 1980er Jahre – folgt eine Phase des Abbaus und der Einlagerung, seltener der Wiederanbringung oder der Translozierung. Nur in wenigen Fällen – und dann eher beiläufig als gezielt – kommt es zu Restaurierungen. So wird etwa das Industrie-Emaillemosaik Entwicklung des Flugwesens, das Karl-Heinz Schmidt 1977 für die Schule in Mockau angefertigt hat, 2020 umfassend restauriert und dient so als Vorbild weiterer Restaurierungsmaßnahmen.17

Aufgaben

Eine Generation bar der Zeitzeugenschaft, eine versachlichte Erfassung und Wertung, vielleicht auch eine entpolitisierte Ostalgisierung sind gute Voraussetzungen für einen geregelten denkmalpflegerischen Umgang mit dem Kulturgut DDR-Mosaik. Kurzfristig sollte eine gezielte Inventarisierung baugebundener Kunst unter Einbindung von Mosaiken durch Laiensysteme, Universitäten, Denkmalbehörden und das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen forciert werden und in Denkmalausweisungen münden.

Neben der Denkmalkunde könnten künftig Best-Practice-Beispiele von Konservierung und Restaurierung von Mosaiken den Weg in die denkmalpflegerische Zukunft baugebundener Kunst aufzeigen. Dabei wird es notwendig sein, Mosaiken vor dem Hintergrund ihrer verschiedenen Techniken zu bewahren und dafür zielgerichtete Restaurierungsanforderungen zu entwickeln. Für Ihre Bewertung und Rezeption wird es wesentlich sein, ihre baulichen Kontexte zu wahren. Kein Mosaik ist ohne seine hochbauliche oder städtebauliche Einbindung gedacht oder zu verstehen. Insofern wird die hohe Kunst des Denkmalpflegens an Mosaikakzenten und -fassaden von Wohnanlagen der 1960er und Großsiedlungen der 1970er und 1980er Jahre zu erbringen sein. Demgegenüber wird die Wahrung von Einzelbildwerken an Hochbauten wohl eine geringere Herausforderung darstellen.

Die erfassten Mosaiken, der Umgang mit ihnen nach 1990 und die Erhaltungs- und Restaurierungsanforderungen sollten idealerweise in ein Projekt zur Datenerfassung und -bündelung baugebundener Kunst auf dem ehemaligen Staatsgebiet der DDR überführt werden. Mit den Daten wäre nicht nur eine breite und gezielte Auswertung über Strukturen, Themen, Einsatzorte, Techniken, Künstler und Kunsthandwerker für baugebundene Kunst in der DDR möglich. Gleichsam – Stein für Stein – könnte so auch detailliert und ortsgenau ein Wissensmagazin über die Kunst- und Baugeschichte Leipziger Mosaiken zwischen 1949 und 1990 erstellt, auf seine lokalen Qualitäten überprüft und ausgewertet werden. Mit Überraschungen dürfte zu rechnen sein.

Fußnoten

1

Zu den gesetzlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen: Büttner, Claudia: Geschichte der Kunst am Bau in Deutschland, hg. v. Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Berlin 2011. S. 20–43.

2

Zunächst geändert in Büro für architekturbezogene Kunst und Stadtbild, ab 1975 Büro für architekturbezogene Kunst und Denkmalpflege beim Stadtrat für Kultur, ab 1.1. 1990 wieder Büro für architekturbezogene Kunst und Denkmalpflege. Das Büro wurde 1983 zum Bezirksbüro, 1979 wurden die Denkmalpfleger ausgegliedert, um 1990 wieder integriert zu werden.

3

 Zu den Leipziger Verhältnissen: Guth, Peter: Wunschbilder und Wirklichkeit – ein Versuch über architekturbezogene Kunst in Leipzig, in: Architekturbezogene Kunst. Bezirk Leipzig 1945–1990, Standortinventar, hg. v. Büro für architekturbezogene Kunst und Denkmalpflege Bezirk Leipzig, Leipzig 1990, S. 11–19. Jüngere Forschungsergebnisse in: Ubrich, Jana: Das Büro für architekturbezogene Kunst Leipzig (1970–1989). Strukturen und Arbeitsweisen. Magisterarbeit Universität Leipzig, Leipzig 2011.

4

 So wurde etwa Bert Heller 1960 mit der Gestaltung eines Wandbildes für das Institut für Physiologie der Karl-Marx-Universität Leipzig ohne vorherigen Beschluss der Bezirksauftragskommission beauftragt (vgl. Guth, Peter: Wände der Verheißung. Zur Geschichte der architekturbezogenen Kunst in der DDR, Leipzig 1995, S. 420). Andererseits konnte potenzielle Auftragnehmer, die dem Verband der Bildenden Künstler nicht oder durch Ausschluss nicht mehr angehörten, nicht beauftragt werden.

5

Leonhardt, Peter: Der Sowjetische Pavillon auf dem Gelände der Alten Messe in Leipzig, in: Kommunismus unter Denkmalschutz? Denkmalpflege als historische Aufklärung, hg. v. Danyel, Jürgen/Drachenberg, Thomas/Zündorf, Irmgard, Worms 2018, S. 87–92.

6

Vgl. Guth 1990 (wie Anm. 1), S. 15.

7

So weist Jana Ubrich für Grünau 70 geplante Kunstwerke nach. Vgl. Ubrich 2011 (wie Anm. 3), S. 74.

8

So etwa für das Gewandhaus. Vgl. Skoda, Rudolf: Neues Gewandhaus Leipzig. Baugeschichte und Gegenwart eines Konzertgebäudes, Berlin 1985. S. 146–149.

9

Bei Kindergärten etwa des Typus 180/80 und bei Schulen der Typus Ratio 74–720, Typ A.

10

Besonders deutlich in den Leipziger Plattenbaugebieten seit Mitte der 1980er Jahre (Heiterblick, Kolonnadenviertel, Siedlung am Cäcilienpark).

11

Für Spaltklinkermosaiken werden regelmäßig Spaltplatten des Volkseigenen Betriebs Plattenwerk Max Dietel, Meißen, Betrieb des Baukombinats Baukeramik Boizenburg, verwendet.

12

Etwa: Peter entdeckt die Welt (Hans-Otto-Straße 2 a), Kind und Musik (Kindergarten Ferdinand-Rhode-Straße 17 a), Peter und der Wolf (Kindergarten Krönerstraße 43/45), Der kleine Muck (Tarostraße 7/9).

13

Von den datierten Mosaiken sind in den 1950er Jahren nur vier Stück entstanden. Ihnen stehen in den 1960er Jahren 19, in den 1970er Jahren 22 und in den 1980er Jahren wiederum 22 Mosaikwerke gegenüber.

14

Etwa Friedrich Krachts Ziegelwand an einer Buchhandlung in Dresden (Rugestraße 6–10, 1967), Friedrich Press’ Ziegelreliefs an und in der katholischen Kirche St. Gabriel in Leipzig-Kleinwiederitzsch (GeorgHerwegh-Straße 22, 1968–1970), Reinhard Dietrichs Giebelwände an Plattenbauten in Rostock (Rostock Evershagen, 1974–1976).

15

 Die Steinreliefs entstanden 1981 nach Entwurf von Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht.

16

 Der damalige Stand der Erfassungsliste war in Auszügen in dem Konferenzband von 2022 dargestellt.

17

Vgl. Neubacher, Christina: Restauratorische Dokumentation. Wandbild aus Industrieemaille auf Stahlblechplatten »Entwicklung des Flugwesens« 1976, Leipzig 2018–2020, Archiv ABD, Abt. Denkmalpflege.

Der Text erschien zuerst in „Bewahren?! Mosaiken und keramische Wandflächen in der Denkmalpflege“, dem Konferenzband zur Fachtagung des Amtes für Kultur und Denkmalschutz der Landeshauptstadt Dresden vom 4. bis 6. Oktober 2022. 

 

Klaus Jestaedt, M.A.
*1964
Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Volkskunde in Bamberg und Berlin, städtischer Denkmalpfleger in Naumburg, Leiter der Abteilung Denkmalschutz in Weimar, seit 2019 Leiter der unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Leipzig

Zuletzt geändert: 25. 9. 2025
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