Safer Spaces im öffentlichen Raum
Kunst als Medium und Methode

Das Symposium zu „Safer Spaces im öffentlichen Raum – Kunst als Medium und Methode“ beschäftigte mit der Entwicklung neuer Formate und den Produktionsbedingungen im öffentlichen Raum für FLINTA* (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Personen) und BIPoC (Black, Indigenous, and People of Color) mit dem Ziel, deren Handlungsfähigkeit zu stärken. Es wurde darüber gesprochen, wie Orte der Ermächtigung und des Erinnerns geschaffen werden können, in denen FLINTA* und migrantische Communities sichtbarer werden und wie neue Freiräume – besonders im Leipziger Osten – durch kulturelle Aktivitäten entstehen können. Das Symposium richtete sich in erster Linie an FLINTA*, BIPoC und ihre Unterstützenden sowie an Kulturschaffende und Soziokulturschaffende.
Am ersten Tag waren alle Anwesenden nach kurzen Impulsvorträgen zu einer Podiumsdiskussion und freiem Austausch eingeladen, um gemeinsam verschiedene Perspektiven auf Safer Spaces durch die Kunst zu diskutieren.
Im ersten Impulsvortrag sprach Anike Joyce Sadiq aus der Perspektive einer bildenden BIPoC-Künstlerin über die Kontexte und Bedingungen der Kunstproduktion anhand zweier Kunstprojekte. Als Einleitung stellte sie die Frage, ob nicht der Begriff der “Safer Spaces” ein falsches Versprechen aufmacht und ob künstlerisches Arbeiten im öffentlichen Raum nicht immer eine Frage des Abwägens eines akzeptablen Risikos sei.
Ihre Arbeit „Utopian Institution“ aus dem Jahr 2022 ist eine Umfrage, die die Künstlerin vor Beginn einer Zusammenarbeit an die Mitarbeitenden von Kunstinstitutionen verteilt. Das Ergebnis ist ein an die Künstlerin gerichtetes Schreiben, das den Status quo der Einrichtung in Bezug auf Arbeitsbedingungen, Gleichheit, Diversität und Zugänglichkeit reflektiert.
Die Arbeit “Denkmalschutz aufheben” aus dem gleichen Jahr basiert auf der Teilnahme an einem internationalen Kunstwettbewerb zum Kolonialdenkmal in Braunschweig. Das Denkmal, das in der Kaiserzeit als Gedenkort für die deutschen Kolonien und die dort gefallenen Soldaten errichtet worden war, sollte per Ausschreibung durch eine künstlerische Arbeit kontextualisiert werden. Der Text der Ausschreibung machte deutlich, dass das Denkmal nicht entfernt oder verstellt werden durfte. Sadiq argumentierte, die Verhinderung eines Eingriffes in die Substanz des Denkmals durch den Denkmalschutz sei ein Widerspruch zum Anspruch, die deutsche Kolonialgeschichte aufzuarbeiten und offenbare ein Misstrauen gegenüber den Kunstschaffenden. Die bei dem Wettbewerb eingereichte Arbeit von Anike Joyce Sadiq bestand aus einem Antrag auf Aufhebung des Denkmalschutzes, der auch für andere Prozesse zum Vorbild genommen werden kann und einem Buch, das den Prozess dokumentiert und mit verschiedenen Aufsätzen aus postkolonialer Perspektive zu dem Thema kontextualisiert.
Marlen Försterling und Christiane Kornhaß vom Amt für Wohnungsbau und Stadterneuerung sprachen über die Herausforderungen und Chancen von Gender Planning, also der Geschlechtergerechtigkeit in der Planung öffentlicher Räume. In Zusammenarbeit mit anderen Fachämtern und zivilgesellschaftlichen Vereinen entwickeln sie Stadtteilkonzepte für Leipzig.
Nach einem historischen Rückblick auf die Stadtentwicklung Leipzigs, die überwiegend von Männern für eine männliche Erwerbsbevölkerung geplant wurde, erklärten sie den Begriff des Gender Planning. Darunter versteht man die Planung öffentlicher Räume, die die Bedürfnisse aller sozialen Gruppen und Geschlechter berücksichtigenberücksichtigt und eine gleichmäßige Verteilung von Ressourcen fördert. Das schließt kurze Wege für ältere Menschen, sichere Schulwege für Kinder, Freiflächen für Jugendliche, sichere Fußgängerbereiche für Eltern mit Kleinkindern sowie barrierefreie Zugänge für Menschen mit körperlichen Einschränkungen ein – eine Gruppe, die etwa 17,1 % der Leipziger Bevölkerung ausmacht.
Negative Beispiele aus dem Leipziger Stadtraum sind unter anderem das Fehlen öffentlicher Toiletten für FLINTA*, Schwimmbäder mit großen Fensterflächen, in denen sich viele Nutzende unwohl fühlen, sowie schwer zugängliche Park- und Freiflächen für Kinderwägen oder Rollstühle. Auch Angsträume wie dunkle Unterführungen wurden kritisiert.
Vorbildlich aus Sicht des Gender Planning umgesetzt wurden in Leipzig zuletzt unter anderem der neue Spielplatz im Palmengarten, der verschiedene Altersgruppen berücksichtigt und es betreuenden Personen mit mehreren Kindern erleichtert, die Aufsicht zu führen. Ein weiterer Spielplatz wurde für Kinder im Rollstuhl eingerichtet – auch wenn der Zugang noch nicht vollständig barrierefrei ist. Der Skatepark in Grünau bietet speziell für FLINTA* und Menschen im Rollstuhl reservierte Zeiten, um Safer Spaces für diese Gruppen zu schaffen. Als gelungener Kompromiss zwischen Umweltschutz und der Reduzierung von Angsträumen wurde die Beleuchtung am Plagwitzer Bahnhof hervorgehoben, die nur bei Nutzung des Weges aktiviert wird und damit minimalinvasiv für Insekten ist. Häufig verhinderten Denkmalschutzauflagen die Umsetzung barrierefreier Wege.
Zeran Osman berichtet über das Projekt „Offener Prozess“ und die Arbeit am Pilot-Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex in Chemnitz. Zwischen 2000 und 2007 beging der NSU zehn rassistisch motivierte Mord, zahlreiche Mordversuche, Sprengstoffanschläge, Raubüberfälle und Brandstiftung. Fünf Haupttäter wurden 2018 verurteilt, die Zahl der Beteiligten und Unterstützer wird jedoch im dreistelligen Bereich geschätzt. Auch Medien, Behörden und der Verfassungsschutz setzten die Opfer und ihre Familien Rassismus aus. Initiativen wie “NSU-Watch” und “neue unentdeckteunentd_ckte narrative” bemühen sich seitdem um Aufarbeitung der Taten und ihrer Hintergründe, um der zivilgesellschaftlichen Forderung nach “keinem Schlussstrich” nachzukommen.
Um die Thematik in die Gesellschaft zu tragen, wurde u.a. die Wanderausstellung “Offener Prozess” konzipiert. Die Ausstellung, die von Ayşe Güleç und Fritz Laszlo Weber kuratiert und von Hannah Zimmermann und Jörg Buschmann produziert wurde, wird ab kommenden Jahr im Pilot-Dokumentationszentrum in Chemnitz zu sehen sein und behandelt den NSU-Komplex, Migrationsgeschichten, Kontinuitäten rechter Gewalt, aber auch den Widerstand dagegen und wird durch ein Bildungsprogramm begleitet. Das Projekt organisiert außerdem Symposien, ein Stipendienprogramm in Istanbul sowie Netzwerkarbeit und Erinnerungsarbeit. Im Projekt „Re:member the future“ wird ein Gedenkort in Chemnitz für die Opfer des rechten Terrors entwickelt. Nach einer Machbarkeitsstudie und einem langen Prozess mit der Stadt Chemnitz über ein Mahnmal im Stadtraum, wird aktuell ein digitaler Gedenkort entwickelt.
Gemeinsam mit den Vereinen RAA Sachsen und ASA-FF wurde ein Konzept für ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex in Süd-West-Sachsen entwickelt. In Chemnitz startet nun das Pilot-Dokumentationszentrum, das auch als Lernraum für ein bundesweites Zentrum dienen kann. Bis 2025 entsteht dort ein multifunktionaler Ort mit verschiedenen Modulen: die „assembly“ als Safer Space, eine Ausstellung zum NSU-Komplex, ein Bildungsprogramm, ein Forschungsarchiv sowie ein Kooperationsprojekt mit Polizei und Verwaltung zur Sensibilisierung. Alle Projekte entstehen in Zusammenarbeit mit verschiedenen Initiativen und Sachkundigen.
Im anschließenden Panelgespräch mit den Gästinnen der Impulsvorträge Marlen Försterling, Christiane Kornhaß, Zeran Osman und Anike Joyce Sadiq vertiefte Tania Kolbe einzelne Themen aus den Vorträgen. Zu öffentlichen Denk- und Mahnmalen stellte Anike Joyce Sadiq die Frage, wie wir unsere Identitäten konstruieren und welche historischen Kontinuitäten dabei berücksichtigt werden. Sie betonte, dass von Denkmälern auch Gewalt ausgehen könne. Marlen Försterling und Christiane Kornhaß sprachen über die Schwierigkeiten des Begriffs „Gender Planning“ in verschiedenen Kontexten, öffentliche vergabeprozesse sowie die Ambivalenz zwischen den Privilegien europäischer Städte und den gestalterischen Grenzen, die der Denkmalschutz setzt. Sie plädieren für mehr Ressourcen, um effektive Prozesse und erfolgreiche Beteiligungsverfahren anzustoßen. Zeran Osman erklärte Chemnitz als spannenden und ambivalenten Standort und sprach über Kunst als Mittel der Wahl, um Geschichten zu erzählen und Emotionen anzusprechen.
In der Diskussion über Diversität äußerte Anike Joyce Sadiq, dass Diversität zunehmend als Trendwort und Marketinginstrument missbraucht werde, statt als Mittel der Inklusion und als Ausdruck einer zwischenmenschlichen Qualität. Marlen Försterling und Christiane Kornhaß warben unter anderem für Netzwerkarbeit und Perspektivwechsel, um Prozesse zu diversifizieren, während Zeran Osman die Notwendigkeit betonte, zeitliche und finanzielle Ressourcen für Verdolmetschung, Untertitelung und interne Prozesse bereitzustellen.
Als wichtige Faktoren für Safer Spaces in der Stadt und in der Kunst wurden unter anderem Gesprächskultur, Empathie, diskriminierungssensible Sprache, Zugang zu Bildung, der Umgang mit Erwartungen, die Flexibilität von Institutionen und die Klärung von Zuständigkeiten genannt. Als Wünsche für sichere Räume für Kunst- und Kulturschaffende wurden mehr Zusammenhalt, Vertrauen in die Kunst, Offenheit für auch unangenehme Diskurse, echte Diversität sowie die Schaffung guter Rahmenbedingungen und die Förderung positiver Entwicklungen gefordert.
Der Abend klang mit einem DJ-Set von Jasmina, informellen Gesprächen und Getränken von der Bar aus.
Am zweiten Tag fanden moderierte Gespräche statt. Karoline Schneider stellte im Werkstattgespräch die Frage: “Wie lassen sich mit Kunst Safer Spaces im öffentlichen Raum schaffen?” und Senja Brütting thematisierte die “(Un)Sicherheit von BIPoC und FLINTA* beim künstlerischen Arbeiten im öffentlichen Raum”. Nach einer KÜFA (Küche für alle) vom japanischen Haus fand abschließend eine Performance von Senja, amaze, Aïsha, Sakin statt.
Einen ausführlichen Bericht zu dem Austauschformat mit Senja Brütting findet Ihr in der Bibliothek. Weitere Berichte zum 2. Symposiumstag folgen bald.
Vielen Dank an alle Mitwirkenden und Gäste.








