Aufwärmen eines Steins
Workshop- und Austauschformat von Stadtkuratorin Leipzig und you are warmly invited am 07. & 08. November 2025 in der GfZK
Die Dokumentation zum Symposium, zusammengetragen von
Stadtkuratorin Leipzig und die Initiative you are warmly invited luden in Kooperation mit der GfZK am 7. und 8. November 2025 zur Teilnahme an einem anderthalb tägigen Austauschformat zum Leipziger Kolonialstein ein, um über die lokale Besonderheit des Kolonialsteins für die Stadtgesellschaft und seine Bedeutung als Erinnerungsort in Austausch zu kommen: Wie kann perspektivisch eine dekoloniale, künstlerische Erinnerungskultur unter Einbeziehung aller gestaltet werden?
Das Format verband Input-Formate aus künstlerischer, wissenschaftlicher und aktivistischer Perspektive mit moderierten Feedback-Methoden, die dazu anregten eigene Perspektiven in einem vertrauensvollen Rahmen zu teilen und gemeinsam in einen kollegialen, prozessorientierten Austausch zu treten. Das Symposium hatte die interdisziplinäre Vernetzung sowie den Austausch über dekoloniale Praxen der Erinnerungskultur zum Ziel.
TAG 1
Die Teilnehmenden sind in das Auditorium der Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK) eingeladen, wo neben einer ausführlichen Literatursammlung zum Thema auch künstlerische Arbeiten der Vortragenden gezeigt werden. Der Eingangstür gegenüber läuft beispielsweise Kathleens Bomanis Videoarbeit „What happened here” (2017), die aus ihrer künstlerischen Recherche zum Ersten Weltkrieg in Ostafrika entstand. Sie bezieht sich auf mündlich überlieferte Lieder, die koloniale Kriegsnarrative infrage stellen. Das Video zeigt Felsformationen aus der Region am Viktoriasee in Tansania, die auf die anhaltende Präsenz kolonialer Geschichte in Landschaft, Erinnerung und Benennung verweisen. Zwei weitere Videos dokumentieren Performances der namibischen Künstlerin Tuli Mekondjo und des Leipziger Künstlers Felix Pacholleck. Die drei Kunstschaffenden werden ihre künstlerischen und teils aktivistischen Perspektiven auf den Kolonialstein und die dekoloniale Erinnerungspraxis im Verlauf der zwei Workshoptage noch in Performances und Beiträgen teilen.
Der erste Tag in den Räumen der GfZK ist geprägt von verschiedenen künstlerischen und inhaltlichen Inputs zum konkreten Kontext des Kolonialsteins im Zusammenhang des deutschen Kolonialismus und dessen Kontinuitäten. Emma Schätzlein vertritt die AG Postkolonial und stellt deren umfassende historische Rechercheergebnisse zum Kolonialstein vor. Der Findling wurde 1924 durch den Schutztruppen- und Kolonialverein Leipzig in der Nähe des Völkerschlachtdenkmals aufgestellt und soll an den Verlust der deutschen Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg erinnern. Seine Errichtung folgt somit kolonialrevisionistischen Motiven. Im Jahr 1946 entfernte der Alliierte Kontrollrat die Inschrift aufgrund ihres nationalsozialistischen Anklangs, sodass der Stein oberflächlich entpolitisiert wurde. Die AG Postkolonial bemüht sich seit 2010 um die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte in Leipzig und eine zeitgemäße Erinnerungskultur.
In der Stadtverwaltung Leipzig ist vordergründig das Kulturdezernat zuständig, das 2023 vom Stadtrat beschlossene Konzept zur Erinnerungskultur umzusetzen, welches als Leitfaden dient und die zentralen Themengebiete definiert. Auch die Aufarbeitung der Leipziger Kolonialgeschichte zählt dazu und wurde zudem in einem Beschluß durch den Stadtrat 2024 in den Fokus gerückt.1 Marco Helbig, Mitarbeiter für Erinnerungskultur der Stadt Leipzig, gibt einen kurzen Einblick in die vergangenen und geplanten Projekte der Stadt in diesem Bereich. Als zentralen Punkt benennt er die Erinnerung an die Deutsch-Ostafrikanische Ausstellung im Jahr 2022. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum Jubiläum der Erinnerung an die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung von 1897 (STIGA) wurde auch an deren koloniale Abteilung erinnert: die Deutsch-Ostafrikanische Ausstellung (DOAA), die unter anderem eine Völkerschauen2 als Bestandteil hatte. Neben der Teilfinanzierung einer Ausstellung lässt die Stadt eine Stele im Clara-Zetkin-Park aufstellen, die über die Stiga und die DOAA aufklärt. Bei beiden Erinnerungsformaten sind die AG Postkolonial und die Initiative „Colonial Memory: Retelling DOAA“ maßgeblich beteiligt. Helbig berichtet weiter von dem Forschungsprojekt der Fern-Universität Hagen und der Universität Leipzig zum kolonialen Erbe der Stadt Leipzig, das 2025 startete. Als aktuelle Projekte der dekolonialen Erinnerungskultur nennt Helbig die Anbringung diverser Plaketten, die im Leipziger Zoo über die koloniale Vergangenheit der Völkerschauen im Zoo aufklären sollen, sowie über den rassistischen Kontext der restaurierten und wieder aufgestellten Skulpturen der vier Kontinente von Willi Münch-Khe informieren. Auch zum Kolonialstein ist eine Stele geplant, die 2026 durch das Kulturdezernat entwickelt werden soll.
Von der namibischen Künstlerin Tuli Mekondjo gibt es zwei Inputs: Im Raum läuft die Videodokumentation einer Performance, die sie 2023 am Leipziger Kolonialstein umsetzte. Weiterhin wird während der Veranstaltung die Aufzeichnung einer Rede gezeigt, die sie im Frühjahr 2025 in Potsdam anlässlich einer Ausstellungseröffnung gehalten hat. Sie spricht eindrücklich über zwei miteinander verbundene Orte kolonialer Gewalt: Shark Island (Haifischinsel), ein von den Deutschen in „Deutsch-Südwestafrika“ errichtetes Konzentrationslager im Kontext des Völkermords an den Ovaherero und Nama (1904–1908), sowie über geraubte menschliche Überreste – Köpfe und Körperteile und Objekte, die bis heute in deutschen Museen aufbewahrt werden. Sie spricht über ein geteiltes Trauma der Nachfahren der Opfer und der Täter, und sie spricht über die Verschiebung von Verantwortung, wenn immer wieder die Nachfahren der Opfer kolonialer Gewalt die Arbeit von Aufklärung und Heilung leisten müssen. Immer wieder wirft Tuli Mekondjo in der Rede die Frage auf, wie lange deutsche Institutionen noch die menschlichen Überreste aus ehemaligen Kolonien und die Spuren der Vorfahren der Künstlerin zurückhalten wollen, bevor sie in ihre Heimat überführt werden und ihnen endlich Würde zuteil werden kann.
Zum Abschluss spricht Ras Yohannes, artist aus Leipzig und Teil der Initiative „Colonial Memory Retelling DOAA“ sowie verschiedener Selbstvertretungsorganisationen wie der ISD (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland). Ras betrachtet den eigenen Input als Intervention, weil so oft People of Colour nicht Teil solcher Räume sind und keine Möglichkeit haben, die eigene Geschichte zu erzählen. Ras Yohannes ordnet in dem Input die Verbindungslinien zwischen Kolonialgeschichte und dessen Kontinuitäten in der Gegenwart ein – von der damaligen Verklärung der Kolonien als sogenannte „Deutsche Schutzgebiete“ zur anhaltenden Uninformiertheit vieler Deutscher heute über diese Gewaltgeschichte, von mangelnder Dokumentation der Opfer der Kolonialzeit zum Ausschluss rassifizierter Personen aus den Diskursen heute. Ras Yohannes spricht von den Kontinuitäten der Traumata, wenn diese nicht bearbeitet werden und sich zudem in der Gegenwart stetig wiederholen. Die Unsichtbarmachung der Kolonialzeit in der Geschichte und bis heute hat Konsequenzen, nicht zuletzt für Menschen of Color, die heute in Deutschland leben.
Im Anschluss an die vier Inputs gibt es noch eine kurze Gesprächsrunde, in der Bezug auf das Gehörte genommen werden kann. Neben allgemeinem Feedback gibt es kontroverse Diskussionsbeiträge über den gesellschaftlichen und politischen Stellenwert von dekolonialer Erinnerungskultur. Ein zentrales Problem wird von mehreren Personen benannt: Die Strukturen zur Aufarbeitung kolonialer Geschichte und zur Erinnerungsarbeit sind nach wie vor mangelhaft. Mehrfach wird betont, dass Institutionen diese Themen erst sehr spät aufgreifen, während die Arbeit zuvor über Jahre hinweg überwiegend von People of Color im ehrenamtlichen Engagement geleistet wird. Diese strukturelle Schieflage setzt sich in der unzureichenden Finanzierung fort und verweist häufig auf fehlende Wertschätzung oder grundlegende Missverständnisse, etwa wenn Projekte auf die Sparte „Interkulturelles“ reduziert werden. Für viele People of Color ist die Auseinandersetzung mit kolonialer Geschichte zudem keine frei gewählte Aufgabe, sondern eine Notwendigkeit, die sich in einer rassistischen Gesellschaft aufdrängt. Zu dieser doppelten Belastung tritt die mangelnde finanzielle Anerkennung, die dazu führt, dass ein erheblicher Teil dieser Arbeit unbezahlt und unsichtbar bleibt.
Der erste Veranstaltungstag ist geprägt von einer großen Dichte an Informationen, Geschichten, Perspektiven und Emotionen. Den Teilnehmenden ist eine gewisse Erschöpfung anzumerken, gleichzeitig aber auch eine große Dankbarkeit für das Teilen der verschiedenen Perspektiven und die Möglichkeit zum gemeinsamen Austausch in einem Feld, in dem sichere Räume häufig fehlen.
TAG 2
Der zweite Tag der Veranstaltung pendelt zwischen zwei künstlerischen Impulsen und gemeinsamen Feedbackmethoden. Durch die Formate leitet die kolumbianisch-kanadische Wissenschaftlerin, Kuratorin und Künstlerin Juana Awad als Moderatorin.
Am Morgen treffen sich alle Teilnehmenden im Wilhelm-Külz-Park vor dem Objekt der Aufmerksamkeit – dem Kolonialstein. Kathleen Bomani gibt einen Input in Form einer Audioarbeit.
„Willkommen.
Du gehst in die Dracaena-Allee hinein.
Das ist das Land meiner Mutter.
Das Land meiner Mutters Mutter.
Und das Land der Mutter ihrer Mutter.“
Zu Beginn steht die Gruppe der Teilnehmenden verteilt auf der Wiese um den Kolonialstein. Manche hocken, manche gehen, machen stehen still und hören über Kopfhörer die Arbeit „Water music“. Kathleen Bomani verflechtet in dieser Arbeit Berichte von kolonialen Verbrechen im heutigen Tansania mit ihrer eigenen Familiengeschichte, sie verwebt Erzählungen von alten Ritualen mit der Geschichte der Landschaft mit Trauer und Erinnerung zu einem poetisch-brutalem Textgewebe, das am Ende von der Gegenwart handelt.
Ursprünglich war die Soundarbeit Teil eines virtuellen Ahnen-Gartens, den Bomani digital gestaltet hat. So wie die Gruppe auf einer Wiese versammelt ist, beginnt der Text mit den Kihamba-Gärten der Chagga.3
„Bäume oben, Bananen unten,
Gemüse im Schatten,
Und Kaffee, einst ein Fremder, der uns von deutschen Missionaren gebracht wurde,
Der neben Schrift, Ziegeln und Blut ankam.
Wir haben Platz dafür geschaffen.
Wir haben es zu unserem gemacht.
Aber wir vergessen nicht, wie es dazu kam.“
Die Stimme von Kathleen Bomani spricht über einen elektronischen Soundteppich, verschiedene Vögel zwitschern im Hintergrund, der klangvolle Text ist einnehmend und stimmungsvoll. Wir befinden uns am Berg Kilimakyaruwa – heute Kilimanjaro, wo am 2. März 1900 neunzehn Chagga- und Meru-Führer grausam hingerichtet wurden. Ihre Köpfe wurden abgetrennt, nach Deutschland geschickt und liegen noch heute in verschiedenen Archiven von Nachfolge-Institutionen deutscher Kolonialherrschaft. Kathleen Bomani, die Teil der Gruppe im Wilhelm-Külz-Park ist, fordert stumm auf ihr zu folgen. Während des Hörens geht die Gruppe langsam vom Kolonialstein aus in Richtung des Völkerschlachtdenkmals und bleibt vor dem Wasserbecken stehen, dem sogenannten See der Tränen.
Für einen kurzen Moment ist die Gruppe beinahe alleine an diesem künstlichen See, während sie Kathleen Bomanis Erzählung lauscht, bevor sich Gruppen von Besuchenden des Völkerschlachtdenkmals zwischen die einzelnen, beinahe reglos stehenden, Zuhörenden mischen. Es hätte eine Performance sein können.
Mit dem Ende des Stücks läuft die Gruppe schweigend zurück zum Stein und fährt von dort jeweils zu zweit zurück in die GfZK. In One-on-one-Sessions tauschten sich die Zweiergruppen auf dem Weg über die Erfahrungen am Kolonialstein und die Audioarbeit von Kathleen Bomani aus. Ein Set an vorbereiteten Fragen hilft, nach den eindrücklichen Erlebnissen ins Gespräch zu kommen: Welche Frage möchtest du momentan an den Stein stellen? Was brauchst du, um weiter über den Stein nachzudenken? Wo siehst du Leerstellen?
Zurück in der GfZK gibt es die Möglichkeit, innerhalb einer Silent Discussion Feedback zum Stein zu geben. Auf vier Plakaten können die Teilnehmenden Gedanken zu verschiedenen Fragen skizzieren. Auf Fragen nach körperlichen oder emotionalen Reaktionen auf den Stein wird beispielsweise mehrfach die Diskrepanz zwischen dem vermeintlich unschuldigen Material und seinem historischen Zweck beschrieben und seine Deplatziertheit im Stadtbild bemerkt. Das meiste Feedback ergeht der Frage nach den Leerstellen. Prozess, Sichtbarkeit, die Stimmen und Biografien der Opfer, Widerstand, Raum für Trauer, Informationen und Kontext sind nur einige der dort notierten Stichworte.
Nach einer Auswertung der Silent Discussion durch Juana Awad gibt es die Möglichkeit, mit Kathleen Bomani über ihre Arbeit, die Hintergründe der Entstehung, die biografischen Bezüge darin und ihren Umgang mit den Recherchen zu kolonialen Verbrechen zu sprechen. Wie wird in ihrer Familie Wissen weitergegeben? Wie hat sich die Arbeit verändert an dem Ort, an dem sie heute gehört wurde? Das Gespräch kreist um die Verschränkungen und Diskrepanzen von übermittelter Familiengeschichte und der Geschichte, die sich in Archiven findet. Kathleen Bomani beschreibt, wie sich die Geschichte auch gegenseitig ergänzen und Kreise ziehen – mit jedem Ortsbesuch, mit jedem durchforsteten Archiv – und sich gegenseitig durchdringen. Und sie plädiert für die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft, auch wenn diese schmerzhaft oder belastend ist. Wissen und Anerkennung der eigenen Geschichte versteht sie als Voraussetzung für Verantwortung, Heilung und einen differenzierten Umgang mit Schuld.
Der letzte künstlerische Input dieser zwei dichten Veranstaltungstage kommt am Nachmittag von dem Leipziger Künstler Felix Pacholleck, der eine Lecture Performance über den Kolonialstein hält. Auch von ihm befindet sich eine weitere künstlerische Arbeit im Raum, bestehend aus einem Video, einem Tisch mit lose angeordnetem Bildmaterial und Texten. Sie alle umkreisen den Kolonialstein, den Findling, Karten, westliche Erzählungen von Zivilisation, das Fotografieren als Festschreibung einer herrschaftlichen Sicht und koloniale Ausbeutungssysteme. Alles ist miteinander verschränkt. So auch in dem Text, den Felix Pacholleck an diesem Tag liest.
Er beginnt mit dem Versuch einer fotografischen und materiellen Bestandsaufnahme, spricht von erratischen Steinen, von Granit, von der historischen Aufladung von Findlingen – die eben gar nicht so unschuldig sind, wie sie wirken. Pacholleck erzählt Geschichten von Steinen und Menschen. „Stein ist eine bleibende Einladung zur Metamorphose.“ Der Text wandert zu kolonialem Extraktivismus, zu digitalem Kolonialismus, von Sedimenten zu Spuren. Wie ein Kiesel, den man in einen Teich wirft, zieht der Text auf konsequente und poetische Art Kreise um sein Zentrum: den Kolonialstein.
An den Wänden hinter dem Künstler laufen zwei Videos. In dem einen sortieren seine Hände das erwähnte Bildmaterial immer wieder um und kombinieren es neu. Die zweite Videoarbeit dokumentiert eine Performance, bei der Felix Pacholleck den Kolonialstein mit blauer Fotoleinwand um- und wieder enthüllt.
Im anschließenden Gespräch geht es zunächst um Felix Pachollecks intensive Recherche über den Kolonialstein, dann aber bald um die Qualität, die in den beiden an diesem Tag erlebten künstlerischen Arbeiten liegt. Sie sind kontramonumental und wirken den problematischen Ebenen von Denkmälern entgegen. Sie eröffnen Wege des Sehens und Ebenen des Reflektierens. Eine Person bemerkt den Umstand, dass die Kolonialgeschichte so weitgreifend ist und man sprichwörtlich jeden Stein umdrehen könne und eine gewaltvolle Geschichte fände. Diese Metapher wird mit dem portugiesischen Sprichwort a pedra no saato weitergesponnen: Der Kolonialstein ist der Stein im Schuh, den man nicht ignorieren kann. Beiden Arbeiten gelingt es, das Erkennen der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen.
Juana Awad, die den Tag moderiert und die Feedback einleitet und auswertet, leitet auch nun zu einem abschließenden Gespräch über. Beinahe automatisch läuft das Gespräch in Richtung der Zukunft des Kolonialsteins. Dabei werden Wünsche für eine komplexe und nachhaltige Erinnerungspraxis laut. Es wird die Praxis kritisiert, Erinnerungsorte allein durch Stelen zu markieren. Statt bloß Gedenkobjekte aufzustellen, bräuchte es eine aktive Praxis der Vermittlung und Nutzung, etwa durch Bildungsformate und wiederholte Besuche. Erst durch Aneignung und kontinuierliche Beschäftigung könnten Erinnerungsorte Bedeutung entfalten und zur Reflexion anregen. Ein Erinnerungsort brächte ein Bewusstsein dafür, dass Erinnerung nie abgeschlossen, sondern immer Prozess und Aushandlung ist. Erneut wird die Wichtigkeit der Einbindung der betroffenen Communities betont, sowie die Notwendigkeit von geteilten sicheren Räumen für die Community. Dazu gehöre auch die breitere Vernetzung derjenigen, die sich für eine dekoloniale Erinnerungskultur einsetzen möchten – eine Vernetzung untereinander und bewusst auch zwischen den verschiedenen Communities, was die Teilnehmenden direkt umsetzen.
Mit diesem empowerndem Bekenntnis enden anderthalb Workshoptage. Nicht nur die vielschichtigen Inputs, Interventionen und künstlerischen Beiträge haben das Format „Aufwärmen eines Steins“ so wertvoll gemacht, sondern eben auch die Möglichkeit der breiteren professionellen Vernetzung und des persönlichen Austauschs. Viele Informationen, Gefühle, Geschichten, Appelle, Gespräche und Erfahrungen, die auf vielschichtigen Ebenen noch lange nachhallen werden.
Fußnoten
Beschlußvorlage: https://ratsinformation.leipzig.de/allris_leipzig_public/wicket/resource/org.apache.wicket.Application/doc3607413.pdf
„Die Deutsch-Ostafrikanische Ausstellung (DOAA) auf der STIGA 1897 war eine rassistische Menschen-Schau. 47 Männer, Frauen und Kinder aus Ostafrika wurden wie Objekte angeworben, gegen Kaution „importiert“ und nach kolonial-rassistischen Klischees inszeniert. Über mehrere Monate sollten sie „Primitivität“ vorführen, um die Kolonialherrschaft zu rechtfertigen. Vier von ihnen starben infolge der Ausstellung, davon einer auf der Hinreise und drei in Leipzig.“ (Colonial Memory: ReTelling DOAA. (2022). Leipzig.)
Die Kihamba-Gärten der Chagga sind ein traditionelles, mehrschichtiges Agroforstsystem am Kilimandscharo, das auf kleinen Flächen Bäume, Nutzpflanzen und Tiere kombiniert. Es sorgt für hohe Biodiversität, nachhaltige Nutzung und Ernährungssicherheit durch lokal überliefertes Wissen.
Eine Veranstaltung von Stadtkuratorin Leipzig/UmRäumen e.V. und you are warmly invited in Kooperation mit der Galerie für Zeitgenössische Kunst.