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Die Utopische Tafel als Format und Konzept – Begegnungen in Grünau-Nord
Dokumentation

Die Utopische Tafel als Format und Konzept – Begegnungen in Grünau-Nord

Dokumentation des Beitrags zum Aktionstag „Zukunft Jupiterplatz“ zum Tag der Architektur 2024

Mirjam Zeise

Zum „Tag der Architektur“ fand im Sommer 2024 der Aktionstag „Zukunft Jupiterplatz“ in Grünau-Nord statt. Organisiert wurde er vom Programm Stadtkuratorin Leipzig, dem Amt für Wohnungsbau und Stadterneuerung und dem Architekturbüro mkk, die an dem Tag als Preisträgerinnen des Ideenwettbewerbs Europan auch ihre Entwürfe des Quartierszentrum Jupiterstraße in Grünau vorstellten. Josephine Reuther von der Stadt Leipzig und Julia Kurz vom Programm Stadtkuratorin begleiteten das mkk Kollektiv bei ihrem dialogischen Rundgang durch das Viertel. Mit der Projektgruppe greater form entstand in der Grün-Bau-Werkstatt für Kinder und Jugendliche ein begehbares Traumquartier von Morgen. Und wir, die Utopische Tafel, luden mit Kaffee und Kuchen zu einem generationsübergreifenden Dialograum ein, um an das Viertel vor der Wende zu erinnern.

Das Bild zeigt einen Ausschnitt von einen Tisch, der mit Kuchen und Kaffeegeschirr gedeckt ist. Eine Person, die an dem Tisch sitzt, zeichnet mit bunten Stiften auf schmale Zettel.
© Alexandra Ivanciu
Die Grün-Bau-Werkstatt von greater form
© Alexandra Ivanciu

Die Grün-Bau-Werkstatt von greater form

Die Utopische Tafel wird aufgebaut
© Alexandra Ivanciu

Die Utopische Tafel wird aufgebaut

Zum Kollektiv Utopische Tafel, dessen Aufgaben und Motivation

An die Zeit der Friedlichen Revolution wird seit 2009 mit einem Lichtfest im Stadtzentrum entlang des Innenstadtrings erinnert. Diesem offiziellen Gedenken sollte ein partizipativer und aktivierender Ansatz außerhalb des Stadtzentrums hinzugefügt werden. Vergessene Orte und Geschichten der Friedlichen Revolution sollen nicht nur sprichwörtlich „beleuchtet“ werden. So wurde das Statt-Lichtfest ins Leben gerufen und das Kollektiv Utopische Tafel gegründet. Das Anliegen: die geschichtliche Bedeutung sowie deren Bezug zur zeitgenössischen Protestkultur weiter zu vertiefen. Das selbstorganisierte Kollektiv Utopische Tafel besteht aus einem fluiden Zusammenschluss von Künstler:innen, Schriftsteller:innen, Aktivist:innen, Journalist:innen, Musiker:innen und Kreativen mit internationalem Hintergrund. Was alle verbindet, ist ein kollektives Interesse an Protestkultur und Strategien zur Schaffung gesamtstädtischer, regionaler und internationaler Allianzen in Bezug auf zeitgenössische Erinnerungskulturen und Austausch darüber. Das Kulturprogramm der Utopischen Tafeln findet seit 2019 jährlich im öffentlichen Raum statt. Mittels der Utopischen Tafel als intergenerationalem Begegnungsformat im öffentlichen Raum werden ganzjährig Freiwillige, Zeitzeug:innen und internationale Gäste zu einer offenen Zusammenkunft mit Gesprächen und Ausstellungen eingeladen. Diese Begegnungsorte zum miteinander Reden sind offen für alle, barrierefrei erreichbar und je nach Wetterlage meist draußen unter freiem Himmel. An den Tafeln steht der gemeinsame Austausch im Mittelpunkt. Zum Beispiel mit Fragen wie: Wie war das damals, als die DDR verschwand? Die Teilnehmenden können mit ihrer eigenen Geschichte, einem Objekt oder mit etwas zu Essen niedrigschwellig dazu beitragen. An einer Utopischen Tafel sitzen jeweils 20 bis 40 Personen. Es steht selbstgemachtes oder mitgebrachtes Essen auf dem Tisch. Mal Kuchen, dann Suppe und Brot, Curry oder Pasta. Je nach Kontext liegen Materialien, Bücher oder Flyer, Fragekarten oder Erinnerungsobjekte auf der Tafel. Zeitzeug:innen oder Künstler:innen berichten und sind im Austausch mit den anderen. So entsteht ein Dialogforum für alle Altersgruppen mit kulturellem Rahmen und Geschichtsbewusstsein. Die meisten Utopischen Tafeln fanden in Leipzig statt: mal sichtbar im Stadtzentrum, dann in den Vierteln abseits des Rings, um den dezentralen Aspekten des Zusammenkommens nachzugehen. Um die Stadt-(Um-)land Beziehung zu stärken, fanden einige Utopische Tafeln auch im sächsischen Umland statt.1

Die Utopische Tafel in Grünau

Die Veranstaltung fand anlässlich des Aktionstags „Zukunft Jupiterplatz“ am 29.Juni 2024 in Grünau-Nord statt. Sie ging am Nachmittag los und bis in den frühen Abend hinein. Stichworte in den ersten Brainstorming Prozessen waren: Wohn- und Sozialraum, Nostalgie, Verbundenheit, Fremdheit, Alltag, Umwelt (-verschmutzung), Wahrnehmung und Zeit. Wir wollten die Tafel interaktiver gestalten und durch das Angebot an Kuchen und Torten direkt einen Impuls für Gespräche und Austausch generieren. Es entstand die Idee eines Tortendiagramms. Zusätzlich zu den Impulsfragen stellten wir eine Bücherbox zur selbstständigen Information zusammen. Als Zeitzeuge wurde Andreas Naumann eingeladen und wir zeigten die DEFA-Dokumentation „Erinnerung an eine Landschaft – Für Manuela“.

Bestandteil 1: Kuchen und Tafel

Auf einer circa 7m langen Tafel auf dem Jupiterplatz, geschützt vom Schatten der Bäume, wurde auf einer bemalbaren Papiertischdecke eine Auswahl an sechs verschiedenen Kuchen und Torten platziert. Neben den Kuchen lagen jeweils gestaltete Impulskarten mit Fragen in Schreibmaschinenschrift, die spielerisch auf die jeweilige Kuchensorte Bezug nahmen. Neben dem Papageienkuchen stand: „Welche Farben hatte Grünau früher?“ oder „Welche Bestandteile haben das Leben damals ausgemacht?“ Zwischen den Tellern der Pflaumenkuchen war die Frage „Wer oder was waren die größten Pflaumen in Grünau?“ zu lesen. Neben dem Schneewittchenkuchen (Donauwelle) war die Frage „Was sind deine ersten Erinnerungen an Grünau?“ formuliert und der Bienenstich fragte: „An welchen Plätzen in Grünau bist du der Natur am nächsten?“. Die Tafel war also zum Sitzen und Essen auch Anschauungsobjekt und mit der Kuchenauswahl assoziativer Impulsgeber für Gespräche und Austausch über das Viertel: Wie war es, wie ist es, und wie soll es werden. Die Karten mit den ausgefüllten Tortendiagrammen konnten anschließend an einem Bauzaun gelesen werden. So waren die Meinungen, Gefühle und Erinnerungen für alle sichtbar gesammelt.

Eine Person im Rollstuhl blickt auf einem Bauzaun, an dem mehrere Zettel hängen.
© Alexandra Ivanciu
Bestandteil 2: Zeitzeugen-Gespräch

Neben künstlerischen Beiträgen sind Gespräche mit Zeitzeug:innen ein wichtiger Bestandteil jeder Utopischen Tafel. Durch lebendige Quellen wird so Vergangenes persönlich nahbar. Keine Abstraktion oder Fiktion erklärt Geschichte, sondern Menschen erzählen von ihrem persönlichen Leben. Nach Grünau Nord wurde Andreas Naumann als Zeitzeuge eingeladen. Er ist Ingenieur und war als Bauleiter in den 1970er Jahren in Grünau aktiv. Wir saßen um die Tafel und einige Bänke wurden in zweiter Reihe gerückt, damit alle Gäste Platz fanden. Andreas Naumann erzählte über die Art, wie damals gebaut wurde, über materialtechnische Erneuerungen, Improvisationen, aber auch Probleme mit Sparmaßnahmen und rechtzeitigen Bescheiden. Im weiteren Gespräch ging es auch um die Baumethoden der Zukunft: nachhaltige Dämmung, Strömungstechnik und Thermodynamik, Effizienz diverser Materialien und Bezahlbarkeit.

Mehrere Personen sitzen an einer Kuchentafel und unterhalten sich. Im Hintergrund befinden sich Bäume.
© Alexandra Ivanciu
Bestandteil 3: Film

Ein weiterer Beitrag des Nachmittagsprogramms war ein Screening der DEFA-Dokumentation „Erinnerung an eine Landschaft – Für Manuela“ aus dem Jahr 1983. Der Regisseur Kurt Tetzlaff dokumentiert über drei Jahre, im Zeitraum 1979–1982, den Braunkohletagebau im südlichen Umland von Leipzig. Dafür werden die Dörfer Magdeborn und Bösdorf abgerissen. Menschen feiern ein letztes Mal Polterabend, die Angestellten der Post haben Schwierigkeiten sich in den leeren, halb abgerissenen Straßen zurechtzufinden, pendeln trotzdem weiterhin zur Arbeit. Die Menschen wurden umgesiedelt, zu großen Teilen gegen ihren Willen. Neben Schönefeld und Borna ist Leipzig Grünau der Ort ihrer neuen Zukunft. Die Gleichzeitigkeit von Vorfreude, ob der guten Lage im obersten Stock der neu gebauten Plattenbausiedlung und Verlust von Heimat sowie die Zerstörung der Natur im Namen des industriellen Fortschritts werden emotional und lebensnah vermittelt.


Die Geschichte Grünaus wird permanent weitergeschrieben. Der Anlass zum Tag der Architektur mit der Vorstellung neuer Pläne des Quartierszentrums Jupiterstraße war hierbei ein guter Anlass, um über die stetige Transformation zu sprechen: Wie Zeit Orte verändert und Orte und deren Wahrnehmung ebenfalls einem fortwährendem Prozess unterliegen.

Bestandteil 4: Bücherbox

Zur freien Auseinandersetzung wurde in Zusammenarbeit mit der Stadtteilbibliothek Grünau eine Bücherbox zusammengestellt. Darin befand sich eine Grünau-spezifische Auswahl an Fiktion, Lyrik, Fachliteratur zur Zeitgeschichte, Fotobücher und lokale Publikationen. Auch dokumentiert waren Projektberichte bereits realisierter künstlerischer und soziokultureller Arbeiten vor Ort.

Ob mit Kuchen-Interessierten oder am Austausch-Interessierten: die Utopische Tafel war lebhaft und lebendig. Durch die Impulsfragen wurde sich an der Tafel über das Leben in Grünau ausgetauscht. Die Gäste an der Tafel berichteten von den Anfängen, als Grünau neu gebaut wurde, und erinnerten den Schlamm der vielen Baustellen, denn befestigte Wege kamen erst später, und von der Freude über die (erste) eigene und schöne Wohnung sowie herzliche Nachbar:innenschaft. Die Nähe zum Kulkwitzer See, der Urbane Wald, gute Möglichkeiten der Mobilität auch ohne Auto – trotz der weiten Wege –, Gemeinschaft durch Umweltgruppen und Hauskreise, der Schönauer Berg (eine Kiesgruben-Aufschüttung), Radcrossstrecken und günstige Kaffeepreise sind Beispiele der Anwohner:innen von positiven Erinnerungen und gegenwärtigen Assoziationen mit und in dem Viertel. Auf die Frage nach den größten Pflaumen in Grünau wurde Unmut über Politiker:innen geäußert, die viele Steuergelder für den unkoordinierten Abriss von tausenden Wohnungen ausgegeben haben, mit gleichzeitigem Wunsch nach preiswertem Wohnen und der Erwähnung, dass Grünau die beste Luft Leipzigs habe. Ambivalenzen müssen ausgehalten werden. Sorge über die Zukunft und vermehrter Leerstand im Viertel mit gleichzeitigem Zuhause-Gefühl und „Ich will hier eigentlich nicht mehr weg.“ Bauchschmerzen bei der kommenden Bundestagswahl und Motivation in Gemeinschaft, Sorgen und Probleme des Miteinanders besprechen und lösen zu können. All das hatte an der Tafel Platz. Die Impulse der Kuchen-Karten boten neben den bereitgestellten Bücherkisten Gesprächsthemen. Durch das Zeitzeugen Gespräch war der Austausch persönlich und besonders schön war die Verbindung, dass Andreas Naumann als Zeitzeuge ebenso am Bau und der Konzeption der Vineta beteiligt war. Die Vineta auf dem heutigen Störmthaler See, einem Projekt der Künstlerin Ute Hartwig-Schulz symbolisiert die alte und verlorene Kirche in Magdeborn und ist damit ein Mahnmal für die Orte, die dem Espenhainer Braunkohletagebau weichen mussten. Magdeborn und Bösdorf waren ebenso die Orte, die in der Dokumentation „Erinnerung an eine Landschaft - Für Manuela“ gezeigt wurden und nun der Vergangenheit angehören.

Kopie Von Zukunft Jupiter Platz (20) (klein)
© Alexandra Ivanciu
Ausblick

Das Kollektiv Utopische Tafel ist ebenso ständig im Prozess. So sind fortführend neue Utopische Tafeln geplant. Die Methodik und Vorgehensweise kann sich flexibel und einfach an anderen Mitorganisator:innen, Thematiken oder Zielgruppen orientieren. Die Utopische Tafel wächst hierbei genauso organisch als Konzept, wie sie es vor Ort repräsentiert. Sie ist ein durchs Miteinander geschaffener und partizipativer Diskursraum – gemäß dem Credo, dass Dialoge und künstlerische Formate der Ausgangspunkt für gesellschaftliche und individuelle Entwicklung sind und bleiben. Denn darin liegt die Kraft, im Miteinander Haltung zu entwickeln und mittels kultureller Produktion Sprachlosigkeit zu überwinden.

Fußnoten

1

Utopische Tafeln fanden u.a. in Kohren-Sahlis, Colditz oder Rüdigsdorf/Frohburg statt. Zum Colditzer Kulturmarkt, der durch den gleichnamigen Verein ins Leben gerufen wurde, um den regionalen öffentlichen Raum mit Kultur- und Bildungsangeboten zu beleben, als Ort vorurteilsfreien Zusammenkommens, fand im Sommer 2022 und 2023 eine Utopische Tafel auf dem Marktplatz in Colditz statt. Weiße Tischdecken, spätsommerliche Wildblumensträuße, sogar Kaninchen des benachbarten Zimmerers; die Bäckerei gegenüber versorgte mit Kaffee aus Pumpkannen, die Apfelkuchen und Buchteln lockten die Menschen sich an die Tafel zu setzen und darüber zu sprechen, wie das war, als die Porzelline verschwand? Colditz, als einstige Porzellan Manufaktur-Stadt, hat auch hier eine Zeit von Transformationsprozessen hinter sich. Die eigene Erfahrung mit dem Verschwinden der DDR, Großwerden in einem sozialistischen System, dann die Wende, Freude und Begeisterung über Neues und die Enttäuschung über Versprechen, die nicht eingehalten wurden, fanden an der Tafel Raum und Widerhall. Die Menschen wurden vorab aufgerufen, zerbrochenes Colditzer Geschirr mitzubringen, um gemeinsam zu erinnern. Das Porzellan wurde anschließend von der Berliner Künstlerin Ai Moliya mit der Kintsugi-Technik repariert.

Weitere Informationen: https://www.statt-lichtfest.de

Zuletzt geändert: 19. 9. 2025
Verknüpfte Projekte
29.06.2024

Zukunft Jupiterplatz

Ausstellung mit Entwürfen von mkk kollektiv aus dem Europlan-Wettbewerb, dialogischer Rundgang, Utopische Tafel, GrünBau-Werkstatt von greater form

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